Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Visionär verlässt die große Bühne: George Romero (1940-2017)




Filmemacher, Autoren, Musiker oder Schauspieler machen sich durch ihr Werk unsterblich. Allerdings macht der Tod selbstverständlich auch vor ihnen nicht halt. In unseren Erinnerungen werden die größten Künstler durch ihre Hinterlassenschaften ewig weiterleben.

In den letzten 2 Monaten hat der Lungenkrebs gleich zweimal zugeschlagen. Am 27. Juni erlag der schwedische Schauspieler Michael Nyqvist mit nur 56 Jahren seinem Krebsleiden. Auch er wird in diesem Gedenk-Posting mit eingeschlossen. In der schwedischen Verfilmung der Millennium-Reihe erlangte Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist auch international große Aufmerksamkeit.

Vor wenigen Tagen, am 15. Juli, verstarb Martin Landau im hohen Alter von 89 Jahren. Einer jüngeren Generation wird Martin Landau als Bela Lugosi in Tim Burtons Verfilmung zu Ed Wood in Erinnerung geblieben sein, eine Rolle, die ihm einen Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte.

Nur einen Tag später, am 16. Juli, erreichte die Medien auch die traurige Nachricht, George (Andrew) Romero verstarb im Alter von 77 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Seit nun einigen Jahren rankten sich Gerüchte um den Gesundheitszustand des großen Visionärs.
George Romero gilt nicht nur als Urvater des Zombie-Genre, seine gesellschaftskritischen Horrorfilme inspirierten zahlreiche Filmemacher, sich seinen einzigartigen Stil als Vorbild zu nehmen. Oft kopiert doch unerreicht, so wird das Werk von George Romero genau wie das von Wes Craven vermutlich unerreicht bleiben.



Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2010

Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life




"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)


"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.

Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.

Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.

Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.

Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).




Resümee

"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.



Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.

Dienstag, 27. Juni 2017

Zum 167. Geburtstag von Lafcadio Hearn: Gedanken und Eindrücke eines Lesers





Lafcadio Hearn
Vollständiger Geburtsname: Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (Πατρίκιος Λευκάδιος Χερν)
Japanischer Name: Koizumi Yakumo (小泉 八雲)
Geboren: 27.06.1850 auf Lefkas
Gestorben: 26.09.1904 in Tokyo
Genres: Kurzgeschichten, Romane, Reiseberichte
Lafcadio Hearn auf "Am Meer ist es wärmer": Die Versöhnung des Samurai (Rezension)




Über 100 Jahre nach seinem Tod hätte Lafcadio Hearn, Sohn eines irischen Militärarztes und einer griechischen Mutter, wohl nicht damit gerechnet, dass über seine Werke auch heute noch diskutiert wird. Hearn war zu Lebzeiten einer der Wegbereiter, auch nach seinem frühen Tod, dass die sperrige japanische Kultur sich dem Western angenähert hat, besser verstanden wurde und dieses Land, welches er so romantisch und mystisch in seinen Geschichten und Reiseberichten beschreibt, auf einmal für eine ganze menge Menschen sehr interessant wurde.

Lafcadio Hean war Schriftsteller, über Wasser hielt er sich jedoch viele Jahre als Journalist. Es war das Jahr 1890, als der Beruf den rastlosen Mann nach Japan schickte. Dort wurde er sesshaft, verliebte sich in das Land und seine zukünftige Ehefrau Setsu Koizumi. Noch zu Lebzeiten erlangte Hearn als Ausländer ein beachtliches Ansehen in Japan. Er reiste durchs Land und schrieb über seine Erfahrungen. Seine bekanntesten Werke, die Nacherzählung berühmter japanischer Geistergeschichten, die fanden auf eine überraschende art und weise ein breites Publikum. Dabei war Hearn nicht einmal vollständig der japanischen Sprache mächtig. Um die 15 Bücher verfasste Hearn über Japan, in seiner schriftstellerischen Karriere umfasst sein Werk über Japan den größten Teil seines Gesamtwerks. Im Alter von nur 54 Jahren verstarb Hearn an Herzversagen.


Das Lafcadio Hearn Museum (Koizumi Yakumo Kinekan) in Matsue (Präfektur Shimane)


Im wahrsten Sinne des Wortes "geistert" der Name Lafcadio Hearn schon lange in meinem Interessenbereich herum, in den Genuss eines vollständigen Bandes des Autors kam ich aber erst zu Beginn des letzten Jahres. "Die Versöhnung des Samurai" (erschienen beim Hibarios Verlag, Besprechung oben im Text verlinkt) war ein schauriges, aber gleichzeitig auch bezauberndes Lesevergnügen. Hearn selbst hat diese alten Geistergeschichten größtenteils nur selbst, auf seine eigene, westliche art und weise (ohne aber verwestlicht zu klingen) wiedergegeben. Dieser etwas westliche Einfluss könnte sogar der Faktor gewesen sein, wieso die Texte auch in Japan sich großer Beliebtheit erfreuten und alle Werke von Hearn auch in die japanische Sprache übersetzt wurden. Lafcadio Hearn war der japanischen Sprache nicht komplett vertraut, Hilfe bekam er daher oftmals von seiner Frau Setsu, die ihm einige der gruseligen Geschichten vortrug. Hearn war von den japanischen Geistergeschichten nicht nur fasziniert, er war sogar regelrecht besessen danach. Die Spannweite der gruseligen Geschichten reicht dabei von lustigen Erzählungen über phantasievollen Erzählungen bis hin zu teils sehr grausamen und traurigen Geschichten. Hearn wählte die Geschichten aus, die ihm selbst besonders gut gefielen. Die meisten dieser Geschichten überraschen den Leser am Ende immer mit einer gut platzierten Wendung.

Doch auch abseits der Geistergeschichten verfasste Hearn unglaublich interessante Werke. In "Japans Geister" (eine wundervolle Ausgabe erschienen bei "Die Andere Bibliothek") berichtet Lafcadio Hearn fast ausschließlich über seine persönlichen Erfahrungen in Japan. Hier glänzt Hearn als Schriftsteller und beinahe in Mark Twain Manier berichtet er unter anderem humorvoll über seine Zeit im alten Japan. Darüber hinaus verfasste Hearn auch noch lesenswerte Werke, die fernab der japanischen Kultur existieren (Chita. Eine Erinnerung an Last Island).

Wer beispielsweise einen Kindle besitzt, kann sich etliche von Hearns Werken direkt bei Amazon gratis als E-Book auf das Gerät laden. Deutschsprachige Printausgaben gibt es weitaus weniger, aber am Ende dieses Beitrags werde ich noch dementsprechende Verlage verlinken, die die Werke von Lafcadio Hearn in deutscher Sprache anbieten.



Abschließende Gedanken

Schriftsteller gehören zu der seltenen Gattung Mensch, die 167 Jahre oder älter werden können. Lafcadio Hearn hat sich mit seinen Werken diesen Platz in der Weltliteratur verdient. Besonders sollte man darauf aufmerksam machen, wie gut Hearns Texte auch außerhalb seiner berühmten Geistergeschichten sind. Obwohl es insgesamt nur 14 Jahre waren, die Hearn in Japan lebte, so liest man in jeder noch so kleinen Erzählung von der Faszination und Leidenschaft, die er für dieses Land übrig hatte. Seine Geschichten haben den Zahn der Zeit wundervoll überstanden. Freunde der japanischen Literatur, die Lafcadio Hearn noch nicht kennen, die können sich auf die eine oder andere Perle freuen.


Aus der eigenen Sammlung. Foto: Aufziehvogel




Lafcadio Hearn auf Deutsch (im Preis steigend):






Reportage über Lafcadio Hearn (Englisch)

Dienstag, 20. Juni 2017

Inside: Fuminori Nakamura - Der Dieb



Inside: Eine Zusammenfassung und Analyse zu "Der Dieb"
Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.
Erschienen: 2009 in Japan. Übersetzung: Thomas Eggenberg




Über drei Jahre ist es mittlerweile her, wo ich mir vornahm, intensiver über ausgewählte Bücher zu schreiben. Damals war es Sputnik Sweetheart, ein kurzer Roman von Haruki Murakami, dem ich mich näher annahm und ein wenig ins Seelenleben dieser Geschichte blickte. Banana Yoshimoto mit "Ihre Nacht" sollte folgen, aufgrund von Zeitmangel und geringer Relevanz der Leser begrub ich aber weitere Pläne, die Rubrik fortzuführen.

Nun gab es aber erneut einen relativ kurzen Roman, der mich sehr begeistert hat. "Der Dieb", von Japans noch jungem Schriftsteller Fuminori Nakamura, beinhaltet alle Elemente, die dazu einladen, intensiver über das Buch zu diskutieren. Meine Besprechung zum Taschenbuch verfasste ich bereits ende April und kann hier eingesehen werden: Rezension

"Der Dieb" ist ein furioser Ritt. Das Buch ist mit etwas über 200 Seiten recht schlank (bei vielen japanischen Autoren ist dies meistens bereits die Standardlänge eines Romans), dennoch passiert auf jeder Seite etwas. Das besondere an dem Buch ist, es fühlt sich an, als würde man das Drehbuch zu einem Spielfilm lesen. Die Geschichte um einen Taschendieb, der immer tiefer in die japanische Unterwelt gerät, ist rasant erzählt, wirkt aber nie gehetzt. Auch wenn ich mir am Ende wünschte, der Roman hätte noch 20-30 Seiten mehr geboten, so bin ich mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden. Anders als bei einem Drehbuch gibt es hier aber dennoch die nötige Zeit, um sich in die Charaktere hineinversetzen zu können. Bei einem Drehbuch ist es meistens schwer, einen Bezug zu den Figuren aufzubauen und wird deshalb durch die Umsetzung als Film dann meistens kompensiert.

Da ich in dieser Analyse auf wichtige Einzelheiten im Buch eingehe und gleichzeitig auch über das Ende diskutiere, folgt an dieser Stelle nicht nur eine Spoiler-Warnung, wer nicht direkt auf den Link zu diesem Eintrag klickt, der wird, sollte er über die Startseite meinen Blog besuchen, den kompletten Text erst sehen, sobald er den Eintrag anklickt. Für die Leute, die direkt über eine Verlinkung einsteigen, vielleicht noch vorhaben, das Buch zu lesen, so wird die gestrichelte Linie den Abschnitt zu der eigentlichen Analyse nun trennen.

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Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.