Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 16. September 2017

Frisch aus der Druckerei: Die Insel der Freundschaft (Durian Sukegawa)



Infos zur Veröffentlichung

Autor: Durian Sukegawa
Verlag: DuMont
Ausgabe: Hardcover
Inhalt und mehr beim Verlag: Link
Übersetzung aus dem Japanischen: Luise Steggenwentz
Preis: 20 Euro (Print), 15,99 Euro (eBook)
Veröffentlichung: 19.09.17



Das Wochenende versüßt hat mir die verehrte Presseabteilung vom DuMont Verlag. Da sich der Deutsche Buchhandel aber nur wirklich sehr selten an die offiziellen Daten der Verlage hält (oftmals jedoch in Absprache), so könnte Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" bereits jetzt bei etlichen Buchhändlern erhältlich sein. Der offizielle Verkaufsstart wäre der 19.09.17.

Neben Haruki Murakami scheint der DuMont Verlag mit Durian Sukegawa einen weiteren japanischen Autor gefunden zu haben, der ihr Programm sinnvoll erweitert. Die Verfilmung von Sukegawas Roman "Kirschblüten und rote Bohnen (Rezension)" von Naomi Kawase machte das japanische Multitalent auch in Deutschland zu einem Geheimtipp, der bei den Lesern großen Anklang fand. Zu diesen Lesern gehörte auch ich, mir hat der Roman um das ungleiche Dreiergespann, dessen Schicksale alle mit einer beliebten japanischen Süßspeise verworben war, unglaublich gut gefallen. Durian Sukegawa ist dabei das komplette Gegenteil eines Haruki Murakami. Sukegawa kommt ohne den bekannten japanischen Surrealismus aus. Auch verzichtet der Autor auf eine komplexe, verstrickte Geschichte. Die Essenz der japanischen Literatur haftet Sukegawa aber auf jeder Seite an. Feinfühlig führt er die Einzelschicksale zusammen und bildet eine Einheit aus den Charakteren, die allesamt einen problematischen Stand in der Gesellschaft beherbergen.

In "Die Insel der Freundschaft" vertieft Durian Sukegawa die Thematiken aus "Kirschblüten und rote Bohnen" und schickt ein weiteres Dreiergespann ins Rennen, die allesamt auf der Insel Aburi eine gemeinsame Reise erleben, die sie für immer verändern wird. Übersetzt wurde der Roman diesmal von Luise Steggenwentz die hier Ursula Gräfe beerbt.

Die ausführliche Besprechung zu "Die Insel der Freundschaft" erfolgt in der kommenden Woche. Wenn euch der Titel neugierig gemacht habt, stattet mir also demnächst wieder einen Besuch ab.

Freitag, 15. September 2017

Mit ergiebiger Ausbeute zurück aus der Sommerpause



Ein wenig muss ich über mich selbst schmunzeln, wen ich ein Wort wie "Sommerpause" benutze. Da es sich bei diesem Blog-Projekt um ein passioniertes Hobby handelt, hat dieses Wort in meinem Portfolio eigentlich nichts zu suchen. Und dennoch, wenn der Geist träge ist und die Finger müde, dann tut so eine Pause ungeheuerlich gut. Mit viel Elan möchte ich über die Bücher sprechen, die mich während dieser Pause begleitet haben.

Als ich zuletzt im August einen Beitrag verfasst habe, war die Grill-Saison noch im vollen Gange. Mittlerweile, während ich diesen Beitrag hier verfasse, fallen langsam bereits die Blätter von den Bäumen. Es wird herbstlich. Die vergangenen Tage stürmte und regnete es, als würde die kleine Insel hier regelrecht davongeweht werden oder im Meer ertrinken. Kaum eine Jahreszeit lädt mehr dazu ein, außergewöhnliche Literatur zu konsumieren.

In den letzten Wochen haben mich zahlreiche interessante Titel begleitet, die in der kommenden Zeit ausführlich auf "Am Meer ist es wärmer" präsentiert werden. Ich kann keine genauen Daten zu den Besprechungen abliefern, aber folgende Besprechungen werden demnächst hier zu finden sein:


- Eine heitere Wehmut von Amélie Nothomb (Diogenes)

- Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic (Knaus)

- Gotland von Michael Stavarič (Luchterhand)

- Die Insel der Freundschaft von Durian Sukegawa (DuMont)


All diese Besprechungen werden in den kommenden 4-5 Wochen hier erscheinen. Wer neugierig geworden ist sollte also den Trip zu meinem kleinen Domizil buchen (in diesem Falle diesen Blog euren Favoriten hinzufügen). Genießt also den sich anbahnenden Herbst und versüßt ihn euch mit Büchern!


Ein entspanntes Wochenende wünscht,
Aufziehvogel

Dienstag, 22. August 2017

Am Meer ist es wärmer geht in die Sommerpause: 22.08 - 15.09




In den vergangenen zwei Monaten ist es hier etwas ruhiger geworden, was mehrere Gründe hat. Zum einen sind mir nicht wirklich viele Titel zugeflogen, die mein Interesse weckten, auf der anderen Seite steckten aber auch meine eigenen Ideen in einem Sommerloch. Die Tastatur für einige Wochen mal komplett wegzulegen und den kommenden Spätsommer zu genießen ist genau das, was ich brauche, um den Akku wieder aufzuladen. Vom 22.08 bis zum 15.09 bleiben die Pforten auf "Am Meer ist es wärmer" für neue Inhalte geschlossen. Bereits im September melde ich mich bereits mit zwei sehr interessanten Titeln zurück. Das große Archiv mit vielen Empfehlungen zu Literatur und Film steht natürlich jedem Besucher uneingeschränkt zur Verfügung.

Im Oktober steht bereits die Frankfurter Buchmesse an. Nach all den Jahren könnte es also passieren, dass ich endlich die Zeit finde, die Messe zu besuchen. Ich werde mich selbst überraschen lassen!

Den Lesern dieses Blogs und den Verlagen wie auch ihren Autoren wünscht "Am Meer ist es wärmer" entspannte Tage im Endspurt des Sommers.



Dienstag, 15. August 2017

Rezension: Porno (Irvine Welsh)







Schottland 2002

Porno
Autor: Irvine Welsh
Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann
Genre: Underground, Erotik




"Schon während ich es in meinen Zinken schaufele, ist mir die traurige Wahrheit bewusst. Koks ödet mich an, es ödet uns alle an. Wir sind abgestumpfte Typen in einer Szene, die wir hassen, einer Stadt, die wir hassen, und tun dabei so, als wären wir der Nabel der Welt, müllen uns mit Drogen zu, um das Gefühl zurückzudrängen, das sich das wahre Leben irgendwo anders abspielt, und wissen dabei genau, dass wir nichts anderes tun, als dieser Paranoia und Ernüchterung neue Nahrung zu geben. Doch irgendwie sind wir zu apathisch, um damit aufzuhören, denn traurigerweise gibt es nichts Interessantes, für das es sich lohnen würde, aufzuhören. Dabei fällt mir ein, es verdichten sich Gerüchte, dass Breeny haufenweise Ching hat, und es sieht so aus, als wär ein beträchtlicher Teil davon bereits im Umlauf."
(Porno. Autor: Irvine Welsh. Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann. Verlag: Heyne)



Heyne Hardcore und Porno. Zwei Begriffe, die man auf dieser ruhigen Insel hier eher nicht antrifft. In Form von Literatur jedoch kein ungewöhnliches Zusammenspiel. Aus dem Programm von Heyne Hardcore rezensierte ich in meinem Blogger Debüt-Jahr 2011 Matias Faldbakkens "Unfun", ein Roman, wesentlich später entstanden als "Porno", aber sicherlich nicht minder kontrovers, abgedreht und misanthropisch. Was Porno angeht, so kann ich mir wahrlich vorstellen, ist es nicht die einfachste und dankbarste Aufgabe gewesen, dieses rund 600 seitige Monstrum an unflätigen Begriffen ins Deutsche zu übersetzen. Schon gar nicht, wenn der Autor Irivine Welsh heißt. William S. Burroughs, Meister der Beat-Literatur (und Vorreiter der Underground-Literatur), verstarb rund 6 Jahre vor der Veröffentlichung von Porno und wäre vermutlich ins Staunen geraten, hätte er diesen Roman in die Finger bekommen. 

Porno ist die Bibel des schlechten Geschmacks, der Drogen und der puren Misanthropie. Allen voran ist Porno aber auch die Fortsetzung zum Kult-Hit "Trainspotting". Rund zwei Wochen ist es erst her, da besprach ich Danny Boyles ausgezeichnete Fortsetzung T2 Trainspotting. Um eines jedoch schnell vorweg zu nehmen, Porno diente T2 nur bedingt als Vorlage. Während Porno noch einmal eine Spur drastischer ist als das Original, so fährt die filmische Fortsetzung eher einige Gänge zurück, setzt auf Vertrautheit und Nostalgie. Porno hingegen ist eine Landung auf Kopfsteinpflaster. Liest man den Roman nach dem Film, fühlt es sich an, als hätte ein Schotte von massiver Statur dir einen Schwinger mitgegeben, der dich geradewegs auf das harte Kopfsteinpflaster von Edinburgh befördert.

Renton, Spud, Sick Boy und Begbie kehren auch in Porno heim. Im Gegensatz zum neuen Film sind keine 20 Jahre vergangen sondern lediglich 10. Schon zu Beginn des Buches bemerkt man aber, Simon aka Sick Boy ist noch tiefer in den Drogensumpf gerutscht. Kokain, Crack oder auch noch Heroin, Simon geht bedächtig seinen Weg weiter. Bewusst habe ich das Zitat zum Beginn der Rezension ausgewählt, weil es das Bild der Charaktere bestens zeichnet. Konsum, weil es kaum eine alternative im Leben gibt. Sie könnte aufhören, allerdings gibt es gar keinen Grund dafür. Humor wechselt sich mit Drama ab, Drama überreicht den Staffelstab an pikant beschriebenen Erotikszenen. Regisseur Danny Boyle war diese Mischung vielleicht etwas zu explosiv und distanzierte sich größtenteils von allem, was Porno zu bieten hat.

War der Vorgänger erzählerisch eher noch eine Ansammlung an Kurzgeschichten die in einer nicht chronologischen Reihenfolge erzählt wurden (und für ein herrliches Chaos sorgten), ist die Handlung in Porno gradliniger und folgt einem festen Plot. Bei dem enormen Umfang ist Porno sicherlich nicht von Längen befreit -Belanglosigkeiten und Seltsamkeiten mit inbegriffen- die den Lesefluss manchmal beeinträchtigen könnten. Die 3 großen Abschnitte des Romans sind dennoch in genug kleine Kapitel unterteilt, die allesamt ein wenig an die Kurzgeschichten des Vorgängers erinnern. Trotz einiger Längen eignet sich Porno auch bestens als Lektüre, die man zwischendurch "konsumieren" kann.


"Dann bin ich draußen auf der Straße. Ich wusste nicht, dass ich bei meiner ziellosen Wanderung wieder in Islington gelandet war, bis ich am Park das Mädchen sah, das mühsam versuchte, mit Fäustlingen an den Händen einen Stadtplan aufzuschlagen, und instinktiv mit einem schleimigen >Verlaufen, Baby?< reagierte. Aber der weinerliche Klang meiner Stimme, die vor Emotionen, banger Erwartung, ja sogar Verlorenheit triefte, erschütterte mich. Der Schock darüber ließ mich genauso zurücktaumeln wie der Schluck aus der lila Dose in meiner Hand. Scheiße, was war das? Wer hatte ihm das in die Hand gedrückt? Wie zum Teufel bin ich hierher gekommen? Wo sind die alle? Ein paar hatten sich ächzend verabschiedet, und ich war in den kalten Regen rausgegangen, und jetzt..."




Resümee

Obwohl man "Porno" eine Überlänge und zu viele konfuse Passagen nicht abstreiten kann, so kann sich der Roman als eine mehr als solide Fortsetzung am Ende durchringen. Wir nehmen Teil am Alltag der Skagboys und irgendwie kann man sich nicht gegen die Anziehungskräfte wehren, die von diesen Charakteren ohne Vorbildfunktion oder Manieren ausgeht. Man will irgendwie dabei bleiben, wie sie sich immer tiefer in die Misere reiten. Irvine Welsh gelingt es, dass wir immer noch über diese kuriose Truppe lachen und manchmal die Absurditäten nicht einmal erklären können. "Porno" ist durchaus ein Roman, der seine Leser lange begleiten kann und man sich, trotz all der Misanthropie, am Ende doch irgendwie gut fühlt. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, eine ausgediente Phrase, die Irvine Welsh uns noch einmal bestens verständlich macht.

Sonntag, 30. Juli 2017

Tag 7 Review: T2 Trainspotting




Großbritannien 2017

T2 Trainspotting
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Vorlage: Irvine Welsh
Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova
Laufzeit: 117 Minuten
Genre: Komödie, Drama
Verleih: TriStar/Sony
Premiere: 22.01.2017
FSK: Ab 16





Sag Ja zum Leben! Sag Ja zu T2 Trainspotting?



Sequels haben an Bedeutung verloren, Remakes sind Out und der Reboot-Hype ist abgeebbt zu einem kleinen Tümpel. Wenn das moderne Kino alles durch hat, was gibt es da denn noch? Revivals! Im digitalen Zeitalter, wo besonders durch Streaming-Plattformen der Zugriff auf Filmklassiker immer möglich ist, bleibt auch die Zielgruppe eines richtig guten Films immer frisch. Anders als bei einem Remake oder Reboot kommt bei einem Revival, sofern es möglich ist, die gleiche Crew zusammen, die das Original so erfolgreich gemacht hat. Neben dem derzeit erfolgreichen Twin Peaks Revival folgt in einigen Monaten auch die erste offizielle Fortsetzung zu Blade Runner (Regie: Denis Villeneuve). Und so scheint es gar nicht so unmöglich, dass Quentin Tarantino seine Ankündigung einmal in die Tat umsetzen könnte, wo Vernita Greens mittlerweile erwachsene Tochter auf Rachefeldzug geht um sich Beatrix Kiddo in Kill Bill Vol. 3 vorzuknöpfen.

Während Twin Peaks Fans rund 25 Jahre warten musste, mussten Trainspotting Fans lediglich 20 Jahre warten. 1996 ließ Danny Boyle seine Skagboys (mit einem Ensemble aus damals relativ unbekannten britischen Schauspielern) auf die Masse los. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Irivine Welsh war die Filmversion von Trainspotting ein Abgesang auf das schrille Großbritannien der 90er. Ein Land im Wandel, des Widerspruchs und einer gewissen Unsicherheit, So agierten in der gesellschaftskritischen schwarzen Komödie auch die Akteure, die entweder abhängig von Heroin oder anderen Drogen, oder aber psychisch labile Schläger waren. Die ausgestoßenen der Gesellschaft, zumindest nahmen es alle mit Humor.

Obwohl sich Trainspotting Buch und Trainspotting Film teilweise erheblich voneinander abgekapselt haben (das Buch spielt in den 80ern), machte der weltweite Erfolg des Filmes Autor Irvine Welsh, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Ewan McGregor zu internationalen Stars. Buch und Film avancierten zum Kult. Irivine Welsh ließ in seinen nachfolgenden Büchern die Trainspotting Truppe immer wieder auftreten, als Nebendarsteller in anderen Werken oder aber in offiziellen Fortsetzungen und Prequels. Eine dieser Fortsetzungen, auf die T2 Trainspotting lose basiert, ist "Porno". Danny Boyle schloss eine filmische Fortsetzung nie aus, betonte aber immer, er wolle warten, bis die Schauspieler sichtbar älter geworden sind. Während Boyle die Romanvorlage Trainspotting als Meisterwerk bezeichnet, so war er weniger begeistert von Porno. Für die filmische Fortsetzung entschieden sich Boyle und sein langjähriger Weggefährte John Hodge dazu, die literarische Vorlage nur bedingt zu verwenden und stattdessen auf ein Original-Screenplay zu setzen. Irvine Welsh hat sich dagegen anscheinend nicht gesträubt, ist er wieder als Produzent mit an Board und hat im Film auch noch einen Cameo-Auftritt.

2017 war es also so weit. 20 Jahre später erfahren wir, wie es Renton, Spud, Simon und Begbie ergangen ist. Bereits die Eröffnungssequenz mit einem in Amsterdam lebenden Renton, der in einem Fitnessstudio auf einem Laufband einen Herzanfall erleidet (ACS) verrät uns, 20 Jahre gehen an keinem von uns spurlos vorbei. Spud, mittlerweile Vater, hat wieder zum Heroin gefunden und Simon, mal wieder Vater und in Sachen Drogen zum Kokain gewechselt hat, verdient sein Geld mit dubiosen Geschäften im Erotik-Milieu. Letztendlich wäre da noch Begbie, der auch nach 20 Jahren noch nicht auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird und noch weitere 5 Jahre absitzen soll. Und dennoch, wie es das Schicksal so will, werden sich die 4 Freunde wiedertreffen, in ihrer alten Heimat in Edinburgh, Schottland.

Danny Boyle ist kein Mann der Fortsetzungen. Bei 28 Weeks Later fungierte er nur noch als Produzent, 28 Months Later ist mittlerweile nicht einmal mehr im Gespräch. Wenn ein so abgeklärter Filmemacher wirklich eine Fortsetzung plant, dann muss es etwas ganz besonderes werden. Es muss sich neu anfühlen, und dennoch darf der Charakter des Originals nicht verloren gehen. Danny Boyle schafft diesen schwierigen Spagat in T2 Trainspotting mit Bravour. Etwas, was besonders dem Twin Peaks Revival abhanden gekommen ist, ist etwas einzigartiges, was das Original zu etwas besonderem machte. Die Wärme, die sich anfühlt, nach vielen Jahre in die Heimat zurückgekehrt zu sein, ist etwas, was Twin Peaks fehlt aber T2 Trainspotting im vollen Umfang besitzt. T2 fühlt sich nach einem völlig neuem Erlebnis an, was aber ebenfalls auf viel Nostalgie setzt, ohne jedoch darin zu ertrinken. "Die alten Zeiten" sind aber natürlich ein zentrales Thema in T2. Die erste Besonderheit ist jedoch, T2 wird nicht mehr von einem Erzähler (im Vorgänger war es Renton) begleitet. Keine Erklärungen mehr durchs Off. Auch mit provokanten Inhalten, furiosen Heroin-Trips oder Sex wird sich stark zurückgehalten. Der Fokus liegt dafür auf gut platziertem britischen Humor, die Charaktere und eine starke Narrative. Was aber nicht bedeutet, dass T2 Trainspotting zu einem Familienfilm avanciert ist, ganz im Gegenteil. Man kann aber sagen, der Film ist genau wie seine Protagonisten gereift und erwachsen geworden. Aber das nötige Maß an Verspieltheit haftet auch noch der Fortsetzung an, was etliche sehr schräge Szenen zufolge hat, die man einfach als Fan der Reihe genießen sollte.

Ab und an gibt es immer wieder Einblendungen ikonischer Szenen des Vorgängers. Diese verschmelzen beinahe nahtlos mit T2 Trainspotting. Aus cineastischer Sicht ist T2 eine absolute Augenweide. Brillante Bilder wechseln sich ab mit einem ebenso erstklassigem Schnitt. Eine erneut perfekte Musikauswahl machen den Film zu einem Fest für die Sinne. Abgerundet wird dieses Fest durch eine nicht minder beeindruckende Leistung des gesamten Casts, auch wenn die Rolle und die Relevanz der Veronika wohl als eine der kontroverseren Entscheidungen zu betrachten ist. Diane, im Vorgänger noch Rentons minderjährige Affäre, die in der Fortsetzung zu einer gestanden Frau und Rechtsanwältin herangewachsen ist, kommt dafür etwas zu kurz (kam sie bereits im Original). In den Deleted Scenes gibt es noch zwei sehr gelungene Szenen mit ihr und Renton, die das Verhältnis beider Charaktere zueinander mehr verdeutlichen und leider der Schere zum Opfer gefallen sind.

Mit einer Nettolaufzeit von 110 Minuten fühlte sich T2 Trainspotting ziemlich komplett und rund an. Nur wenige der 30 Minuten an Deleted Scenes hätten einen wirklichen Nutzen im Film gefunden. Boyle und Hodge haben hier eine sehr komplette Kinofassung abgeliefert, die auch gleichzeitig der Directors Cut sein dürfte. Für Fan-Editoren werden die Deleted Scenes, die hier in High Definition Qualität vorliegen, aber bestimmt nicht ganz uninteressant sein.



Fazit

T2 Trainspotting ist ein Film über das nicht loslassen können der alten Zeiten. Ein Film, der gerne in alten Zeiten schwelgt weil Danny Boyle weiß, wir schwelgen alle gerne darin. Trotz all der Nostalgie ertrinkt die Fortsetzung jedoch nicht darin, ist bereit, neue Stile einzuführen und einen anderen Tonfall anzuschlagen. Stürzte sich der Vorgänger noch gnadenlos auf die schrillen 90er, knöpft sich T2 die Ära nach 2010 vor. Die Smartphone-Ära, die Porno-Ära, die Social Media-Ära. T2 nimmt sich gewissenhaft den aktuellen Zeitgeist vor inklusive aller peinlichen Ausrutscher unseres alltäglichen Lebens ("Sag Ja zum Leben, zu Facebook, Twitter, Instagram und hoffe drauf, dass es irgendwo irgendwen kümmert"). Und genau in diesen wichtigen Aspekten besteht T2 Trainspotting als Fortsetzung, als Revival und als ein verdammt großartiger Film auf ganzer Linie. Um es mit den Worten von Mark Renton auszudrücken:

Sag Ja zu den Skagboys, zu Danny Boyle, John Hodge und Irvine Welsh. Sag Ja zum Soundtrack, zur Cinematographie und den Dialogen und sag Ja zu den guten alten Zeiten. Sag Ja zu T2 Trainspotting!