Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Dienstag, 22. August 2017

Am Meer ist es wärmer geht in die Sommerpause: 22.08 - 15.09




In den vergangenen zwei Monaten ist es hier etwas ruhiger geworden, was mehrere Gründe hat. Zum einen sind mir nicht wirklich viele Titel zugeflogen, die mein Interesse weckten, auf der anderen Seite steckten aber auch meine eigenen Ideen in einem Sommerloch. Die Tastatur für einige Wochen mal komplett wegzulegen und den kommenden Spätsommer zu genießen ist genau das, was ich brauche, um den Akku wieder aufzuladen. Vom 22.08 bis zum 15.09 bleiben die Pforten auf "Am Meer ist es wärmer" für neue Inhalte geschlossen. Bereits im September melde ich mich bereits mit zwei sehr interessanten Titeln zurück. Das große Archiv mit vielen Empfehlungen zu Literatur und Film steht natürlich jedem Besucher uneingeschränkt zur Verfügung.

Im Oktober steht bereits die Frankfurter Buchmesse an. Nach all den Jahren könnte es also passieren, dass ich endlich die Zeit finde, die Messe zu besuchen. Ich werde mich selbst überraschen lassen!

Den Lesern dieses Blogs und den Verlagen wie auch ihren Autoren wünscht "Am Meer ist es wärmer" entspannte Tage im Endspurt des Sommers.



Dienstag, 15. August 2017

Rezension: Porno (Irvine Welsh)







Schottland 2002

Porno
Autor: Irvine Welsh
Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann
Genre: Underground, Erotik




"Schon während ich es in meinen Zinken schaufele, ist mir die traurige Wahrheit bewusst. Koks ödet mich an, es ödet uns alle an. Wir sind abgestumpfte Typen in einer Szene, die wir hassen, einer Stadt, die wir hassen, und tun dabei so, als wären wir der Nabel der Welt, müllen uns mit Drogen zu, um das Gefühl zurückzudrängen, das sich das wahre Leben irgendwo anders abspielt, und wissen dabei genau, dass wir nichts anderes tun, als dieser Paranoia und Ernüchterung neue Nahrung zu geben. Doch irgendwie sind wir zu apathisch, um damit aufzuhören, denn traurigerweise gibt es nichts Interessantes, für das es sich lohnen würde, aufzuhören. Dabei fällt mir ein, es verdichten sich Gerüchte, dass Breeny haufenweise Ching hat, und es sieht so aus, als wär ein beträchtlicher Teil davon bereits im Umlauf."
(Porno. Autor: Irvine Welsh. Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann. Verlag: Heyne)



Heyne Hardcore und Porno. Zwei Begriffe, die man auf dieser ruhigen Insel hier eher nicht antrifft. In Form von Literatur jedoch kein ungewöhnliches Zusammenspiel. Aus dem Programm von Heyne Hardcore rezensierte ich in meinem Blogger Debüt-Jahr 2011 Matias Faldbakkens "Unfun", ein Roman, wesentlich später entstanden als "Porno", aber sicherlich nicht minder kontrovers, abgedreht und misanthropisch. Was Porno angeht, so kann ich mir wahrlich vorstellen, ist es nicht die einfachste und dankbarste Aufgabe gewesen, dieses rund 600 seitige Monstrum an unflätigen Begriffen ins Deutsche zu übersetzen. Schon gar nicht, wenn der Autor Irivine Welsh heißt. William S. Burroughs, Meister der Beat-Literatur (und Vorreiter der Underground-Literatur), verstarb rund 6 Jahre vor der Veröffentlichung von Porno und wäre vermutlich ins Staunen geraten, hätte er diesen Roman in die Finger bekommen. 

Porno ist die Bibel des schlechten Geschmacks, der Drogen und der puren Misanthropie. Allen voran ist Porno aber auch die Fortsetzung zum Kult-Hit "Trainspotting". Rund zwei Wochen ist es erst her, da besprach ich Danny Boyles ausgezeichnete Fortsetzung T2 Trainspotting. Um eines jedoch schnell vorweg zu nehmen, Porno diente T2 nur bedingt als Vorlage. Während Porno noch einmal eine Spur drastischer ist als das Original, so fährt die filmische Fortsetzung eher einige Gänge zurück, setzt auf Vertrautheit und Nostalgie. Porno hingegen ist eine Landung auf Kopfsteinpflaster. Liest man den Roman nach dem Film, fühlt es sich an, als hätte ein Schotte von massiver Statur dir einen Schwinger mitgegeben, der dich geradewegs auf das harte Kopfsteinpflaster von Edinburgh befördert.

Renton, Spud, Sick Boy und Begbie kehren auch in Porno heim. Im Gegensatz zum neuen Film sind keine 20 Jahre vergangen sondern lediglich 10. Schon zu Beginn des Buches bemerkt man aber, Simon aka Sick Boy ist noch tiefer in den Drogensumpf gerutscht. Kokain, Crack oder auch noch Heroin, Simon geht bedächtig seinen Weg weiter. Bewusst habe ich das Zitat zum Beginn der Rezension ausgewählt, weil es das Bild der Charaktere bestens zeichnet. Konsum, weil es kaum eine alternative im Leben gibt. Sie könnte aufhören, allerdings gibt es gar keinen Grund dafür. Humor wechselt sich mit Drama ab, Drama überreicht den Staffelstab an pikant beschriebenen Erotikszenen. Regisseur Danny Boyle war diese Mischung vielleicht etwas zu explosiv und distanzierte sich größtenteils von allem, was Porno zu bieten hat.

War der Vorgänger erzählerisch eher noch eine Ansammlung an Kurzgeschichten die in einer nicht chronologischen Reihenfolge erzählt wurden (und für ein herrliches Chaos sorgten), ist die Handlung in Porno gradliniger und folgt einem festen Plot. Bei dem enormen Umfang ist Porno sicherlich nicht von Längen befreit -Belanglosigkeiten und Seltsamkeiten mit inbegriffen- die den Lesefluss manchmal beeinträchtigen könnten. Die 3 großen Abschnitte des Romans sind dennoch in genug kleine Kapitel unterteilt, die allesamt ein wenig an die Kurzgeschichten des Vorgängers erinnern. Trotz einiger Längen eignet sich Porno auch bestens als Lektüre, die man zwischendurch "konsumieren" kann.


"Dann bin ich draußen auf der Straße. Ich wusste nicht, dass ich bei meiner ziellosen Wanderung wieder in Islington gelandet war, bis ich am Park das Mädchen sah, das mühsam versuchte, mit Fäustlingen an den Händen einen Stadtplan aufzuschlagen, und instinktiv mit einem schleimigen >Verlaufen, Baby?< reagierte. Aber der weinerliche Klang meiner Stimme, die vor Emotionen, banger Erwartung, ja sogar Verlorenheit triefte, erschütterte mich. Der Schock darüber ließ mich genauso zurücktaumeln wie der Schluck aus der lila Dose in meiner Hand. Scheiße, was war das? Wer hatte ihm das in die Hand gedrückt? Wie zum Teufel bin ich hierher gekommen? Wo sind die alle? Ein paar hatten sich ächzend verabschiedet, und ich war in den kalten Regen rausgegangen, und jetzt..."




Resümee

Obwohl man "Porno" eine Überlänge und zu viele konfuse Passagen nicht abstreiten kann, so kann sich der Roman als eine mehr als solide Fortsetzung am Ende durchringen. Wir nehmen Teil am Alltag der Skagboys und irgendwie kann man sich nicht gegen die Anziehungskräfte wehren, die von diesen Charakteren ohne Vorbildfunktion oder Manieren ausgeht. Man will irgendwie dabei bleiben, wie sie sich immer tiefer in die Misere reiten. Irvine Welsh gelingt es, dass wir immer noch über diese kuriose Truppe lachen und manchmal die Absurditäten nicht einmal erklären können. "Porno" ist durchaus ein Roman, der seine Leser lange begleiten kann und man sich, trotz all der Misanthropie, am Ende doch irgendwie gut fühlt. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, eine ausgediente Phrase, die Irvine Welsh uns noch einmal bestens verständlich macht.

Sonntag, 30. Juli 2017

Tag 7 Review: T2 Trainspotting




Großbritannien 2017

T2 Trainspotting
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Vorlage: Irvine Welsh
Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova
Laufzeit: 117 Minuten
Genre: Komödie, Drama
Verleih: TriStar/Sony
Premiere: 22.01.2017
FSK: Ab 16





Sag Ja zum Leben! Sag Ja zu T2 Trainspotting?



Sequels haben an Bedeutung verloren, Remakes sind Out und der Reboot-Hype ist abgeebbt zu einem kleinen Tümpel. Wenn das moderne Kino alles durch hat, was gibt es da denn noch? Revivals! Im digitalen Zeitalter, wo besonders durch Streaming-Plattformen der Zugriff auf Filmklassiker immer möglich ist, bleibt auch die Zielgruppe eines richtig guten Films immer frisch. Anders als bei einem Remake oder Reboot kommt bei einem Revival, sofern es möglich ist, die gleiche Crew zusammen, die das Original so erfolgreich gemacht hat. Neben dem derzeit erfolgreichen Twin Peaks Revival folgt in einigen Monaten auch die erste offizielle Fortsetzung zu Blade Runner (Regie: Denis Villeneuve). Und so scheint es gar nicht so unmöglich, dass Quentin Tarantino seine Ankündigung einmal in die Tat umsetzen könnte, wo Vernita Greens mittlerweile erwachsene Tochter auf Rachefeldzug geht um sich Beatrix Kiddo in Kill Bill Vol. 3 vorzuknöpfen.

Während Twin Peaks Fans rund 25 Jahre warten musste, mussten Trainspotting Fans lediglich 20 Jahre warten. 1996 ließ Danny Boyle seine Skagboys (mit einem Ensemble aus damals relativ unbekannten britischen Schauspielern) auf die Masse los. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Irivine Welsh war die Filmversion von Trainspotting ein Abgesang auf das schrille Großbritannien der 90er. Ein Land im Wandel, des Widerspruchs und einer gewissen Unsicherheit, So agierten in der gesellschaftskritischen schwarzen Komödie auch die Akteure, die entweder abhängig von Heroin oder anderen Drogen, oder aber psychisch labile Schläger waren. Die ausgestoßenen der Gesellschaft, zumindest nahmen es alle mit Humor.

Obwohl sich Trainspotting Buch und Trainspotting Film teilweise erheblich voneinander abgekapselt haben (das Buch spielt in den 80ern), machte der weltweite Erfolg des Filmes Autor Irvine Welsh, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Ewan McGregor zu internationalen Stars. Buch und Film avancierten zum Kult. Irivine Welsh ließ in seinen nachfolgenden Büchern die Trainspotting Truppe immer wieder auftreten, als Nebendarsteller in anderen Werken oder aber in offiziellen Fortsetzungen und Prequels. Eine dieser Fortsetzungen, auf die T2 Trainspotting lose basiert, ist "Porno". Danny Boyle schloss eine filmische Fortsetzung nie aus, betonte aber immer, er wolle warten, bis die Schauspieler sichtbar älter geworden sind. Während Boyle die Romanvorlage Trainspotting als Meisterwerk bezeichnet, so war er weniger begeistert von Porno. Für die filmische Fortsetzung entschieden sich Boyle und sein langjähriger Weggefährte John Hodge dazu, die literarische Vorlage nur bedingt zu verwenden und stattdessen auf ein Original-Screenplay zu setzen. Irvine Welsh hat sich dagegen anscheinend nicht gesträubt, ist er wieder als Produzent mit an Board und hat im Film auch noch einen Cameo-Auftritt.

2017 war es also so weit. 20 Jahre später erfahren wir, wie es Renton, Spud, Simon und Begbie ergangen ist. Bereits die Eröffnungssequenz mit einem in Amsterdam lebenden Renton, der in einem Fitnessstudio auf einem Laufband einen Herzanfall erleidet (ACS) verrät uns, 20 Jahre gehen an keinem von uns spurlos vorbei. Spud, mittlerweile Vater, hat wieder zum Heroin gefunden und Simon, mal wieder Vater und in Sachen Drogen zum Kokain gewechselt hat, verdient sein Geld mit dubiosen Geschäften im Erotik-Milieu. Letztendlich wäre da noch Begbie, der auch nach 20 Jahren noch nicht auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird und noch weitere 5 Jahre absitzen soll. Und dennoch, wie es das Schicksal so will, werden sich die 4 Freunde wiedertreffen, in ihrer alten Heimat in Edinburgh, Schottland.

Danny Boyle ist kein Mann der Fortsetzungen. Bei 28 Weeks Later fungierte er nur noch als Produzent, 28 Months Later ist mittlerweile nicht einmal mehr im Gespräch. Wenn ein so abgeklärter Filmemacher wirklich eine Fortsetzung plant, dann muss es etwas ganz besonderes werden. Es muss sich neu anfühlen, und dennoch darf der Charakter des Originals nicht verloren gehen. Danny Boyle schafft diesen schwierigen Spagat in T2 Trainspotting mit Bravour. Etwas, was besonders dem Twin Peaks Revival abhanden gekommen ist, ist etwas einzigartiges, was das Original zu etwas besonderem machte. Die Wärme, die sich anfühlt, nach vielen Jahre in die Heimat zurückgekehrt zu sein, ist etwas, was Twin Peaks fehlt aber T2 Trainspotting im vollen Umfang besitzt. T2 fühlt sich nach einem völlig neuem Erlebnis an, was aber ebenfalls auf viel Nostalgie setzt, ohne jedoch darin zu ertrinken. "Die alten Zeiten" sind aber natürlich ein zentrales Thema in T2. Die erste Besonderheit ist jedoch, T2 wird nicht mehr von einem Erzähler (im Vorgänger war es Renton) begleitet. Keine Erklärungen mehr durchs Off. Auch mit provokanten Inhalten, furiosen Heroin-Trips oder Sex wird sich stark zurückgehalten. Der Fokus liegt dafür auf gut platziertem britischen Humor, die Charaktere und eine starke Narrative. Was aber nicht bedeutet, dass T2 Trainspotting zu einem Familienfilm avanciert ist, ganz im Gegenteil. Man kann aber sagen, der Film ist genau wie seine Protagonisten gereift und erwachsen geworden. Aber das nötige Maß an Verspieltheit haftet auch noch der Fortsetzung an, was etliche sehr schräge Szenen zufolge hat, die man einfach als Fan der Reihe genießen sollte.

Ab und an gibt es immer wieder Einblendungen ikonischer Szenen des Vorgängers. Diese verschmelzen beinahe nahtlos mit T2 Trainspotting. Aus cineastischer Sicht ist T2 eine absolute Augenweide. Brillante Bilder wechseln sich ab mit einem ebenso erstklassigem Schnitt. Eine erneut perfekte Musikauswahl machen den Film zu einem Fest für die Sinne. Abgerundet wird dieses Fest durch eine nicht minder beeindruckende Leistung des gesamten Casts, auch wenn die Rolle und die Relevanz der Veronika wohl als eine der kontroverseren Entscheidungen zu betrachten ist. Diane, im Vorgänger noch Rentons minderjährige Affäre, die in der Fortsetzung zu einer gestanden Frau und Rechtsanwältin herangewachsen ist, kommt dafür etwas zu kurz (kam sie bereits im Original). In den Deleted Scenes gibt es noch zwei sehr gelungene Szenen mit ihr und Renton, die das Verhältnis beider Charaktere zueinander mehr verdeutlichen und leider der Schere zum Opfer gefallen sind.

Mit einer Nettolaufzeit von 110 Minuten fühlte sich T2 Trainspotting ziemlich komplett und rund an. Nur wenige der 30 Minuten an Deleted Scenes hätten einen wirklichen Nutzen im Film gefunden. Boyle und Hodge haben hier eine sehr komplette Kinofassung abgeliefert, die auch gleichzeitig der Directors Cut sein dürfte. Für Fan-Editoren werden die Deleted Scenes, die hier in High Definition Qualität vorliegen, aber bestimmt nicht ganz uninteressant sein.



Fazit

T2 Trainspotting ist ein Film über das nicht loslassen können der alten Zeiten. Ein Film, der gerne in alten Zeiten schwelgt weil Danny Boyle weiß, wir schwelgen alle gerne darin. Trotz all der Nostalgie ertrinkt die Fortsetzung jedoch nicht darin, ist bereit, neue Stile einzuführen und einen anderen Tonfall anzuschlagen. Stürzte sich der Vorgänger noch gnadenlos auf die schrillen 90er, knöpft sich T2 die Ära nach 2010 vor. Die Smartphone-Ära, die Porno-Ära, die Social Media-Ära. T2 nimmt sich gewissenhaft den aktuellen Zeitgeist vor inklusive aller peinlichen Ausrutscher unseres alltäglichen Lebens ("Sag Ja zum Leben, zu Facebook, Twitter, Instagram und hoffe drauf, dass es irgendwo irgendwen kümmert"). Und genau in diesen wichtigen Aspekten besteht T2 Trainspotting als Fortsetzung, als Revival und als ein verdammt großartiger Film auf ganzer Linie. Um es mit den Worten von Mark Renton auszudrücken:

Sag Ja zu den Skagboys, zu Danny Boyle, John Hodge und Irvine Welsh. Sag Ja zum Soundtrack, zur Cinematographie und den Dialogen und sag Ja zu den guten alten Zeiten. Sag Ja zu T2 Trainspotting!

Freitag, 28. Juli 2017

Rezension: Couchsurfen und andere Schlachten (Arnon Grünberg)



(Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag)





Gesammelte Reportagen 2013

Couchsurfen und andere Schlachten
Autor: Arnon Grünberg
Herausgeber und Vorwort: Ilija Trojanow
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Rainer Kersten
Genre: Reportagen





"Ich komme mit einem jungen Australier ins Gespräch, der fünf Tage auf dem Flughafen von Prag übernachtet hat, bevor er Unterschlupf bei Martina fand. Mitten auf seiner Weltreise ging ihm das Geld aus. Der moderne Obdachlose ist eine dekadente Spezies.
Neben dem Australier liegt ein Pärchen. Er aus Frankreich, sie aus Spanien. Der Unterschied zwischen Liegen und Sitzen ist fließend. So wie auch unklar ist, wo der Pyjama beginnt und die Jeanshose endet. Ich würde sagen: Die Jeanshose ist der Pyjama.
>>Warum hast du dich zum Couchsurfen angemeldet?<<, frage ich Martina.
>>Früher musste ich in eine Bar, um Leute zu treffen<<, sagt sie. >>Jetzt kommen sie zu mir. Ich kam zu Verabredungen auch immer zu spät, Jetzt komme ich nie mehr zu spät.<<
>>Habt ihr Hunger?<<, frage ich. >>Kann ich euch zu einem Essen in einem guten Restaurant einladen?<<
Diese Matratzengruft ist ja schön und gut, aber bevor ich mich dazulege, möchte ich doch noch was Leckeres essen.
>>Ich geh nicht mehr aus dem Haus<<, sagt Martina. >>Ich will mich betrinken und high werden, außerdem habe ich schon gegessen.<<
Obwohl man es nach dieser Äußerung nicht vermuten sollte, hat Martina eine feste Stelle in einer Werbeagentur. Sie selbst nennt sich <Sklavin des Kapitalismus>. Ihr wäre es lieber gewesen, fährt sie fort, die Revolution von 1989 hätte erst 1990 stattgefunden, dann hätte sie wenigstens noch eine Auszeichnung der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation bekommen."
(Aus der Reportage "Alkoholismus mit Rollkoffer". Autor: Arnon Grünberg. Übersetzung: Rainer Kersten. Verlag: Diogenes)



"Couchsurfen und andere Schlachten" ist ein recht ungewöhnlicher Titel, der aus purer Neugierde auf meinem Tisch der Neuerscheinungen gelandet ist. Brandneu ist Couchsurfen allerdings nicht, ich bespreche hier die neue Taschenbuchausgabe eines Titels, der bereits 2013 exklusiv für den Diogenes Verlag zusammengestellt wurde. Hier waren also gleich mehrere Nationen am Werk.

Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg (der übrigens fließend die deutsche Sprache spricht, das hier vorliegende Werk wurde dennoch aus dem Niederländischen von Rainer Kersten übersetzt) ist für seinen schwarzen Humor und seinen Satiren bekannt. In seiner Heimat hat er über die Jahre sämtliche wichtige Preise abgeräumt und auch in Deutschland erlangte er über die vergangenen Jahre Bekanntschaft. Ein Grund dafür dürfte auch "Couchsurfen und andere Schlachten" sein. Auf über 400 Seiten wurden Arnon Grünbergs Reportagen in einer nicht chronologischen Reihenfolge zusammengetragen mit dem Ziel, die Leser an Orte zu bringen, die sie vermutlich selbst nie erreichen werden (und wollen). Grünbergs Wege führten von Osteuropa bis in den nahen Osten mit etlichen Zwischenstopps, darunter der Kosovo und Montenegro. Ein Wunsch des Autors war es, aus seiner Schriftsteller-Monotonie zu entfliehen, ein Abenteuer erleben zu wollen und die Sehnsucht danach, etwas gänzlich neues zu erleben. Grünberg ist dabei nie Grünberg selbst, er spielt Rollen, die spielt er manchmal so gut, dass er Spaß an seinen neuen, temporären Identitäten findet. Seine Reportagen datieren zurück ins Jahr 2006. Dort begleitete er die holländische Armee nach Afghanistan.

"Schließlich gibt es kein größeres Glück als das Befriedigen der eigenen Neugier. Die Rolle des Schriftstellers als reiner Ästhet - soweit es diese Spezies überhaupt noch gibt - war jedenfalls keine, die ich je für mich angestrebt hatte. In einer schmutzigen Welt kann auch der Schriftsteller nicht mit sauberen Händen heraumlaufen."

In seinem Vorwort verspricht Grünberg nicht zu viel. Die erste Reportage des Sammelbandes -Alkoholismus mit Rollkoffer - prägt gleichzeitig auch den Titel des Buches. Zusammen mit einem Freund geht Grünberg dem Phänomen des Couchsurfings nach. Dort bieten Leute ihr Sofa wildfremden Leuten an, bei ihnen zu übernachten. Man könnte beinahe sagen, dieser Trend ist die Partnerbörse für Reisende, denn auch auf Couchsurfing.com (die Reportage ist von 2008, die Website ist jedoch noch immer beliebt wie zu damaligen Zeiten) muss man sich erst einmal annähern, bevor es ans Eingemachte geht. Mit viel Humor und einer charmanten Dreistigkeit berichtet Arnon Grünberg von einer kuriosen Woche des Couchsurfen in verschiedenen Ländern Europas (ein Besuch in Deutschland durfte natürlich nicht fehlen). Immer wieder lässt Grünberg seine persönlichen Einflüsse in seine Texte mit einfließen, hier ist er nicht nur der Journalist, sondern auch der Romancier. Am Ende merkt der Autor an, dass das Couchsurfen mitunter zu den glücklichsten Momenten in seinem Leben gehörte, eine Aussage, die ich ihm als neutraler Leser sogar abkaufe.

"Couchsurfen und andere Schlachten" lebt von seiner Kurzweil. Die Reportagen sind alle nicht lang und wurden kompakt zusammengefasst. Jede neue Reportage ist ein neues Abenteuer, auch für die Leser des Buches. Der Tonfall einer jeden Reportage unterscheidet sich von der davor. So kommt eine unglaublich bunte Mischung an Stilen zusammen. Doch bei all den Kuriositäten lernt man auch die ernste Seite Grünbergs kennen. Etliche Reportagen sind mit kurzen Anekdoten aus dem Leben des Autors geschmückt, diese wirken jedoch nie fehl am Platz sondern fügen sich wunderbar in die jeweilige Erzählung ein. Es ist besonders Grünbergs melancholischer Unterton, der diesen Erzählungen den letzten Schliff verleiht.

"Ansonsten kommt in jedem Leben der Moment, in dem man alles rundheraus leugnen muss, empört leugnen, wie die beleidigte Unschuld. So überlebt man. Oder auch nicht. Der Rest ist Melancholie."



Resümee


Sympathisch, sarkastisch und bissig. Arnon Grünbergs Reportagen bieten neben "Couchsurfen" eine menge "andere Schlachten". Beim lesen der Reportagen könnte man meinen, der Autor würde die Schlacht nicht mehr heil überstehen, letztendlich meistert Grünberg sämtliche Hürden jedoch mit einer beinahe schon unverschämten Eleganz. Ob es einfach die Absurditäten des Alltags sind über die der Autor berichtet oder auch sehr bewegende Momente, jede Reportage Grünbergs ist ein kleines Unikat. In diesem Jahr der bisher ungewöhnlichste Titel, den ich gelesen habe. Ungewöhnlich jedoch auf eine sehr angenehme Art und Weise.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Visionär verlässt die große Bühne: George Romero (1940-2017)




Filmemacher, Autoren, Musiker oder Schauspieler machen sich durch ihr Werk unsterblich. Allerdings macht der Tod selbstverständlich auch vor ihnen nicht halt. In unseren Erinnerungen werden die größten Künstler durch ihre Hinterlassenschaften ewig weiterleben.

In den letzten 2 Monaten hat der Lungenkrebs gleich zweimal zugeschlagen. Am 27. Juni erlag der schwedische Schauspieler Michael Nyqvist mit nur 56 Jahren seinem Krebsleiden. Auch er wird in diesem Gedenk-Posting mit eingeschlossen. In der schwedischen Verfilmung der Millennium-Reihe erlangte Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist auch international große Aufmerksamkeit.

Vor wenigen Tagen, am 15. Juli, verstarb Martin Landau im hohen Alter von 89 Jahren. Einer jüngeren Generation wird Martin Landau als Bela Lugosi in Tim Burtons Verfilmung zu Ed Wood in Erinnerung geblieben sein, eine Rolle, die ihm einen Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte.

Nur einen Tag später, am 16. Juli, erreichte die Medien auch die traurige Nachricht, George (Andrew) Romero verstarb im Alter von 77 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Seit nun einigen Jahren rankten sich Gerüchte um den Gesundheitszustand des großen Visionärs.
George Romero gilt nicht nur als Urvater des Zombie-Genre, seine gesellschaftskritischen Horrorfilme inspirierten zahlreiche Filmemacher, sich seinen einzigartigen Stil als Vorbild zu nehmen. Oft kopiert doch unerreicht, so wird das Werk von George Romero genau wie das von Wes Craven vermutlich unerreicht bleiben.