Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Samstag, 16. September 2017

Frisch aus der Druckerei: Die Insel der Freundschaft (Durian Sukegawa)



Infos zur Veröffentlichung

Autor: Durian Sukegawa
Verlag: DuMont
Ausgabe: Hardcover
Inhalt und mehr beim Verlag: Link
Übersetzung aus dem Japanischen: Luise Steggenwentz
Preis: 20 Euro (Print), 15,99 Euro (eBook)
Veröffentlichung: 19.09.17



Das Wochenende versüßt hat mir die verehrte Presseabteilung vom DuMont Verlag. Da sich der Deutsche Buchhandel aber nur wirklich sehr selten an die offiziellen Daten der Verlage hält (oftmals jedoch in Absprache), so könnte Durian Sukegawas "Die Insel der Freundschaft" bereits jetzt bei etlichen Buchhändlern erhältlich sein. Der offizielle Verkaufsstart wäre der 19.09.17.

Neben Haruki Murakami scheint der DuMont Verlag mit Durian Sukegawa einen weiteren japanischen Autor gefunden zu haben, der ihr Programm sinnvoll erweitert. Die Verfilmung von Sukegawas Roman "Kirschblüten und rote Bohnen (Rezension)" von Naomi Kawase machte das japanische Multitalent auch in Deutschland zu einem Geheimtipp, der bei den Lesern großen Anklang fand. Zu diesen Lesern gehörte auch ich, mir hat der Roman um das ungleiche Dreiergespann, dessen Schicksale alle mit einer beliebten japanischen Süßspeise verworben war, unglaublich gut gefallen. Durian Sukegawa ist dabei das komplette Gegenteil eines Haruki Murakami. Sukegawa kommt ohne den bekannten japanischen Surrealismus aus. Auch verzichtet der Autor auf eine komplexe, verstrickte Geschichte. Die Essenz der japanischen Literatur haftet Sukegawa aber auf jeder Seite an. Feinfühlig führt er die Einzelschicksale zusammen und bildet eine Einheit aus den Charakteren, die allesamt einen problematischen Stand in der Gesellschaft beherbergen.

In "Die Insel der Freundschaft" vertieft Durian Sukegawa die Thematiken aus "Kirschblüten und rote Bohnen" und schickt ein weiteres Dreiergespann ins Rennen, die allesamt auf der Insel Aburi eine gemeinsame Reise erleben, die sie für immer verändern wird. Übersetzt wurde der Roman diesmal von Luise Steggenwentz die hier Ursula Gräfe beerbt.

Die ausführliche Besprechung zu "Die Insel der Freundschaft" erfolgt in der kommenden Woche. Wenn euch der Titel neugierig gemacht habt, stattet mir also demnächst wieder einen Besuch ab.

Freitag, 15. September 2017

Mit ergiebiger Ausbeute zurück aus der Sommerpause



Ein wenig muss ich über mich selbst schmunzeln, wen ich ein Wort wie "Sommerpause" benutze. Da es sich bei diesem Blog-Projekt um ein passioniertes Hobby handelt, hat dieses Wort in meinem Portfolio eigentlich nichts zu suchen. Und dennoch, wenn der Geist träge ist und die Finger müde, dann tut so eine Pause ungeheuerlich gut. Mit viel Elan möchte ich über die Bücher sprechen, die mich während dieser Pause begleitet haben.

Als ich zuletzt im August einen Beitrag verfasst habe, war die Grill-Saison noch im vollen Gange. Mittlerweile, während ich diesen Beitrag hier verfasse, fallen langsam bereits die Blätter von den Bäumen. Es wird herbstlich. Die vergangenen Tage stürmte und regnete es, als würde die kleine Insel hier regelrecht davongeweht werden oder im Meer ertrinken. Kaum eine Jahreszeit lädt mehr dazu ein, außergewöhnliche Literatur zu konsumieren.

In den letzten Wochen haben mich zahlreiche interessante Titel begleitet, die in der kommenden Zeit ausführlich auf "Am Meer ist es wärmer" präsentiert werden. Ich kann keine genauen Daten zu den Besprechungen abliefern, aber folgende Besprechungen werden demnächst hier zu finden sein:


- Eine heitere Wehmut von Amélie Nothomb (Diogenes)

- Ich war Hitlers Trauzeuge von Peter Keglevic (Knaus)

- Gotland von Michael Stavarič (Luchterhand)

- Die Insel der Freundschaft von Durian Sukegawa (DuMont)


All diese Besprechungen werden in den kommenden 4-5 Wochen hier erscheinen. Wer neugierig geworden ist sollte also den Trip zu meinem kleinen Domizil buchen (in diesem Falle diesen Blog euren Favoriten hinzufügen). Genießt also den sich anbahnenden Herbst und versüßt ihn euch mit Büchern!


Ein entspanntes Wochenende wünscht,
Aufziehvogel

Dienstag, 22. August 2017

Am Meer ist es wärmer geht in die Sommerpause: 22.08 - 15.09




In den vergangenen zwei Monaten ist es hier etwas ruhiger geworden, was mehrere Gründe hat. Zum einen sind mir nicht wirklich viele Titel zugeflogen, die mein Interesse weckten, auf der anderen Seite steckten aber auch meine eigenen Ideen in einem Sommerloch. Die Tastatur für einige Wochen mal komplett wegzulegen und den kommenden Spätsommer zu genießen ist genau das, was ich brauche, um den Akku wieder aufzuladen. Vom 22.08 bis zum 15.09 bleiben die Pforten auf "Am Meer ist es wärmer" für neue Inhalte geschlossen. Bereits im September melde ich mich bereits mit zwei sehr interessanten Titeln zurück. Das große Archiv mit vielen Empfehlungen zu Literatur und Film steht natürlich jedem Besucher uneingeschränkt zur Verfügung.

Im Oktober steht bereits die Frankfurter Buchmesse an. Nach all den Jahren könnte es also passieren, dass ich endlich die Zeit finde, die Messe zu besuchen. Ich werde mich selbst überraschen lassen!

Den Lesern dieses Blogs und den Verlagen wie auch ihren Autoren wünscht "Am Meer ist es wärmer" entspannte Tage im Endspurt des Sommers.



Dienstag, 15. August 2017

Rezension: Porno (Irvine Welsh)







Schottland 2002

Porno
Autor: Irvine Welsh
Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann
Genre: Underground, Erotik




"Schon während ich es in meinen Zinken schaufele, ist mir die traurige Wahrheit bewusst. Koks ödet mich an, es ödet uns alle an. Wir sind abgestumpfte Typen in einer Szene, die wir hassen, einer Stadt, die wir hassen, und tun dabei so, als wären wir der Nabel der Welt, müllen uns mit Drogen zu, um das Gefühl zurückzudrängen, das sich das wahre Leben irgendwo anders abspielt, und wissen dabei genau, dass wir nichts anderes tun, als dieser Paranoia und Ernüchterung neue Nahrung zu geben. Doch irgendwie sind wir zu apathisch, um damit aufzuhören, denn traurigerweise gibt es nichts Interessantes, für das es sich lohnen würde, aufzuhören. Dabei fällt mir ein, es verdichten sich Gerüchte, dass Breeny haufenweise Ching hat, und es sieht so aus, als wär ein beträchtlicher Teil davon bereits im Umlauf."
(Porno. Autor: Irvine Welsh. Übersetzung: Clara Drechsler, Harald Hellmann. Verlag: Heyne)



Heyne Hardcore und Porno. Zwei Begriffe, die man auf dieser ruhigen Insel hier eher nicht antrifft. In Form von Literatur jedoch kein ungewöhnliches Zusammenspiel. Aus dem Programm von Heyne Hardcore rezensierte ich in meinem Blogger Debüt-Jahr 2011 Matias Faldbakkens "Unfun", ein Roman, wesentlich später entstanden als "Porno", aber sicherlich nicht minder kontrovers, abgedreht und misanthropisch. Was Porno angeht, so kann ich mir wahrlich vorstellen, ist es nicht die einfachste und dankbarste Aufgabe gewesen, dieses rund 600 seitige Monstrum an unflätigen Begriffen ins Deutsche zu übersetzen. Schon gar nicht, wenn der Autor Irivine Welsh heißt. William S. Burroughs, Meister der Beat-Literatur (und Vorreiter der Underground-Literatur), verstarb rund 6 Jahre vor der Veröffentlichung von Porno und wäre vermutlich ins Staunen geraten, hätte er diesen Roman in die Finger bekommen. 

Porno ist die Bibel des schlechten Geschmacks, der Drogen und der puren Misanthropie. Allen voran ist Porno aber auch die Fortsetzung zum Kult-Hit "Trainspotting". Rund zwei Wochen ist es erst her, da besprach ich Danny Boyles ausgezeichnete Fortsetzung T2 Trainspotting. Um eines jedoch schnell vorweg zu nehmen, Porno diente T2 nur bedingt als Vorlage. Während Porno noch einmal eine Spur drastischer ist als das Original, so fährt die filmische Fortsetzung eher einige Gänge zurück, setzt auf Vertrautheit und Nostalgie. Porno hingegen ist eine Landung auf Kopfsteinpflaster. Liest man den Roman nach dem Film, fühlt es sich an, als hätte ein Schotte von massiver Statur dir einen Schwinger mitgegeben, der dich geradewegs auf das harte Kopfsteinpflaster von Edinburgh befördert.

Renton, Spud, Sick Boy und Begbie kehren auch in Porno heim. Im Gegensatz zum neuen Film sind keine 20 Jahre vergangen sondern lediglich 10. Schon zu Beginn des Buches bemerkt man aber, Simon aka Sick Boy ist noch tiefer in den Drogensumpf gerutscht. Kokain, Crack oder auch noch Heroin, Simon geht bedächtig seinen Weg weiter. Bewusst habe ich das Zitat zum Beginn der Rezension ausgewählt, weil es das Bild der Charaktere bestens zeichnet. Konsum, weil es kaum eine alternative im Leben gibt. Sie könnte aufhören, allerdings gibt es gar keinen Grund dafür. Humor wechselt sich mit Drama ab, Drama überreicht den Staffelstab an pikant beschriebenen Erotikszenen. Regisseur Danny Boyle war diese Mischung vielleicht etwas zu explosiv und distanzierte sich größtenteils von allem, was Porno zu bieten hat.

War der Vorgänger erzählerisch eher noch eine Ansammlung an Kurzgeschichten die in einer nicht chronologischen Reihenfolge erzählt wurden (und für ein herrliches Chaos sorgten), ist die Handlung in Porno gradliniger und folgt einem festen Plot. Bei dem enormen Umfang ist Porno sicherlich nicht von Längen befreit -Belanglosigkeiten und Seltsamkeiten mit inbegriffen- die den Lesefluss manchmal beeinträchtigen könnten. Die 3 großen Abschnitte des Romans sind dennoch in genug kleine Kapitel unterteilt, die allesamt ein wenig an die Kurzgeschichten des Vorgängers erinnern. Trotz einiger Längen eignet sich Porno auch bestens als Lektüre, die man zwischendurch "konsumieren" kann.


"Dann bin ich draußen auf der Straße. Ich wusste nicht, dass ich bei meiner ziellosen Wanderung wieder in Islington gelandet war, bis ich am Park das Mädchen sah, das mühsam versuchte, mit Fäustlingen an den Händen einen Stadtplan aufzuschlagen, und instinktiv mit einem schleimigen >Verlaufen, Baby?< reagierte. Aber der weinerliche Klang meiner Stimme, die vor Emotionen, banger Erwartung, ja sogar Verlorenheit triefte, erschütterte mich. Der Schock darüber ließ mich genauso zurücktaumeln wie der Schluck aus der lila Dose in meiner Hand. Scheiße, was war das? Wer hatte ihm das in die Hand gedrückt? Wie zum Teufel bin ich hierher gekommen? Wo sind die alle? Ein paar hatten sich ächzend verabschiedet, und ich war in den kalten Regen rausgegangen, und jetzt..."




Resümee

Obwohl man "Porno" eine Überlänge und zu viele konfuse Passagen nicht abstreiten kann, so kann sich der Roman als eine mehr als solide Fortsetzung am Ende durchringen. Wir nehmen Teil am Alltag der Skagboys und irgendwie kann man sich nicht gegen die Anziehungskräfte wehren, die von diesen Charakteren ohne Vorbildfunktion oder Manieren ausgeht. Man will irgendwie dabei bleiben, wie sie sich immer tiefer in die Misere reiten. Irvine Welsh gelingt es, dass wir immer noch über diese kuriose Truppe lachen und manchmal die Absurditäten nicht einmal erklären können. "Porno" ist durchaus ein Roman, der seine Leser lange begleiten kann und man sich, trotz all der Misanthropie, am Ende doch irgendwie gut fühlt. Gegensätze ziehen sich bekanntlich an, eine ausgediente Phrase, die Irvine Welsh uns noch einmal bestens verständlich macht.

Sonntag, 30. Juli 2017

Tag 7 Review: T2 Trainspotting




Großbritannien 2017

T2 Trainspotting
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: John Hodge
Vorlage: Irvine Welsh
Darsteller: Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova
Laufzeit: 117 Minuten
Genre: Komödie, Drama
Verleih: TriStar/Sony
Premiere: 22.01.2017
FSK: Ab 16





Sag Ja zum Leben! Sag Ja zu T2 Trainspotting?



Sequels haben an Bedeutung verloren, Remakes sind Out und der Reboot-Hype ist abgeebbt zu einem kleinen Tümpel. Wenn das moderne Kino alles durch hat, was gibt es da denn noch? Revivals! Im digitalen Zeitalter, wo besonders durch Streaming-Plattformen der Zugriff auf Filmklassiker immer möglich ist, bleibt auch die Zielgruppe eines richtig guten Films immer frisch. Anders als bei einem Remake oder Reboot kommt bei einem Revival, sofern es möglich ist, die gleiche Crew zusammen, die das Original so erfolgreich gemacht hat. Neben dem derzeit erfolgreichen Twin Peaks Revival folgt in einigen Monaten auch die erste offizielle Fortsetzung zu Blade Runner (Regie: Denis Villeneuve). Und so scheint es gar nicht so unmöglich, dass Quentin Tarantino seine Ankündigung einmal in die Tat umsetzen könnte, wo Vernita Greens mittlerweile erwachsene Tochter auf Rachefeldzug geht um sich Beatrix Kiddo in Kill Bill Vol. 3 vorzuknöpfen.

Während Twin Peaks Fans rund 25 Jahre warten musste, mussten Trainspotting Fans lediglich 20 Jahre warten. 1996 ließ Danny Boyle seine Skagboys (mit einem Ensemble aus damals relativ unbekannten britischen Schauspielern) auf die Masse los. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Irivine Welsh war die Filmversion von Trainspotting ein Abgesang auf das schrille Großbritannien der 90er. Ein Land im Wandel, des Widerspruchs und einer gewissen Unsicherheit, So agierten in der gesellschaftskritischen schwarzen Komödie auch die Akteure, die entweder abhängig von Heroin oder anderen Drogen, oder aber psychisch labile Schläger waren. Die ausgestoßenen der Gesellschaft, zumindest nahmen es alle mit Humor.

Obwohl sich Trainspotting Buch und Trainspotting Film teilweise erheblich voneinander abgekapselt haben (das Buch spielt in den 80ern), machte der weltweite Erfolg des Filmes Autor Irvine Welsh, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Ewan McGregor zu internationalen Stars. Buch und Film avancierten zum Kult. Irivine Welsh ließ in seinen nachfolgenden Büchern die Trainspotting Truppe immer wieder auftreten, als Nebendarsteller in anderen Werken oder aber in offiziellen Fortsetzungen und Prequels. Eine dieser Fortsetzungen, auf die T2 Trainspotting lose basiert, ist "Porno". Danny Boyle schloss eine filmische Fortsetzung nie aus, betonte aber immer, er wolle warten, bis die Schauspieler sichtbar älter geworden sind. Während Boyle die Romanvorlage Trainspotting als Meisterwerk bezeichnet, so war er weniger begeistert von Porno. Für die filmische Fortsetzung entschieden sich Boyle und sein langjähriger Weggefährte John Hodge dazu, die literarische Vorlage nur bedingt zu verwenden und stattdessen auf ein Original-Screenplay zu setzen. Irvine Welsh hat sich dagegen anscheinend nicht gesträubt, ist er wieder als Produzent mit an Board und hat im Film auch noch einen Cameo-Auftritt.

2017 war es also so weit. 20 Jahre später erfahren wir, wie es Renton, Spud, Simon und Begbie ergangen ist. Bereits die Eröffnungssequenz mit einem in Amsterdam lebenden Renton, der in einem Fitnessstudio auf einem Laufband einen Herzanfall erleidet (ACS) verrät uns, 20 Jahre gehen an keinem von uns spurlos vorbei. Spud, mittlerweile Vater, hat wieder zum Heroin gefunden und Simon, mal wieder Vater und in Sachen Drogen zum Kokain gewechselt hat, verdient sein Geld mit dubiosen Geschäften im Erotik-Milieu. Letztendlich wäre da noch Begbie, der auch nach 20 Jahren noch nicht auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen wird und noch weitere 5 Jahre absitzen soll. Und dennoch, wie es das Schicksal so will, werden sich die 4 Freunde wiedertreffen, in ihrer alten Heimat in Edinburgh, Schottland.

Danny Boyle ist kein Mann der Fortsetzungen. Bei 28 Weeks Later fungierte er nur noch als Produzent, 28 Months Later ist mittlerweile nicht einmal mehr im Gespräch. Wenn ein so abgeklärter Filmemacher wirklich eine Fortsetzung plant, dann muss es etwas ganz besonderes werden. Es muss sich neu anfühlen, und dennoch darf der Charakter des Originals nicht verloren gehen. Danny Boyle schafft diesen schwierigen Spagat in T2 Trainspotting mit Bravour. Etwas, was besonders dem Twin Peaks Revival abhanden gekommen ist, ist etwas einzigartiges, was das Original zu etwas besonderem machte. Die Wärme, die sich anfühlt, nach vielen Jahre in die Heimat zurückgekehrt zu sein, ist etwas, was Twin Peaks fehlt aber T2 Trainspotting im vollen Umfang besitzt. T2 fühlt sich nach einem völlig neuem Erlebnis an, was aber ebenfalls auf viel Nostalgie setzt, ohne jedoch darin zu ertrinken. "Die alten Zeiten" sind aber natürlich ein zentrales Thema in T2. Die erste Besonderheit ist jedoch, T2 wird nicht mehr von einem Erzähler (im Vorgänger war es Renton) begleitet. Keine Erklärungen mehr durchs Off. Auch mit provokanten Inhalten, furiosen Heroin-Trips oder Sex wird sich stark zurückgehalten. Der Fokus liegt dafür auf gut platziertem britischen Humor, die Charaktere und eine starke Narrative. Was aber nicht bedeutet, dass T2 Trainspotting zu einem Familienfilm avanciert ist, ganz im Gegenteil. Man kann aber sagen, der Film ist genau wie seine Protagonisten gereift und erwachsen geworden. Aber das nötige Maß an Verspieltheit haftet auch noch der Fortsetzung an, was etliche sehr schräge Szenen zufolge hat, die man einfach als Fan der Reihe genießen sollte.

Ab und an gibt es immer wieder Einblendungen ikonischer Szenen des Vorgängers. Diese verschmelzen beinahe nahtlos mit T2 Trainspotting. Aus cineastischer Sicht ist T2 eine absolute Augenweide. Brillante Bilder wechseln sich ab mit einem ebenso erstklassigem Schnitt. Eine erneut perfekte Musikauswahl machen den Film zu einem Fest für die Sinne. Abgerundet wird dieses Fest durch eine nicht minder beeindruckende Leistung des gesamten Casts, auch wenn die Rolle und die Relevanz der Veronika wohl als eine der kontroverseren Entscheidungen zu betrachten ist. Diane, im Vorgänger noch Rentons minderjährige Affäre, die in der Fortsetzung zu einer gestanden Frau und Rechtsanwältin herangewachsen ist, kommt dafür etwas zu kurz (kam sie bereits im Original). In den Deleted Scenes gibt es noch zwei sehr gelungene Szenen mit ihr und Renton, die das Verhältnis beider Charaktere zueinander mehr verdeutlichen und leider der Schere zum Opfer gefallen sind.

Mit einer Nettolaufzeit von 110 Minuten fühlte sich T2 Trainspotting ziemlich komplett und rund an. Nur wenige der 30 Minuten an Deleted Scenes hätten einen wirklichen Nutzen im Film gefunden. Boyle und Hodge haben hier eine sehr komplette Kinofassung abgeliefert, die auch gleichzeitig der Directors Cut sein dürfte. Für Fan-Editoren werden die Deleted Scenes, die hier in High Definition Qualität vorliegen, aber bestimmt nicht ganz uninteressant sein.



Fazit

T2 Trainspotting ist ein Film über das nicht loslassen können der alten Zeiten. Ein Film, der gerne in alten Zeiten schwelgt weil Danny Boyle weiß, wir schwelgen alle gerne darin. Trotz all der Nostalgie ertrinkt die Fortsetzung jedoch nicht darin, ist bereit, neue Stile einzuführen und einen anderen Tonfall anzuschlagen. Stürzte sich der Vorgänger noch gnadenlos auf die schrillen 90er, knöpft sich T2 die Ära nach 2010 vor. Die Smartphone-Ära, die Porno-Ära, die Social Media-Ära. T2 nimmt sich gewissenhaft den aktuellen Zeitgeist vor inklusive aller peinlichen Ausrutscher unseres alltäglichen Lebens ("Sag Ja zum Leben, zu Facebook, Twitter, Instagram und hoffe drauf, dass es irgendwo irgendwen kümmert"). Und genau in diesen wichtigen Aspekten besteht T2 Trainspotting als Fortsetzung, als Revival und als ein verdammt großartiger Film auf ganzer Linie. Um es mit den Worten von Mark Renton auszudrücken:

Sag Ja zu den Skagboys, zu Danny Boyle, John Hodge und Irvine Welsh. Sag Ja zum Soundtrack, zur Cinematographie und den Dialogen und sag Ja zu den guten alten Zeiten. Sag Ja zu T2 Trainspotting!

Freitag, 28. Juli 2017

Rezension: Couchsurfen und andere Schlachten (Arnon Grünberg)



(Foto: © Regine Mosimann / Diogenes Verlag)





Gesammelte Reportagen 2013

Couchsurfen und andere Schlachten
Autor: Arnon Grünberg
Herausgeber und Vorwort: Ilija Trojanow
Verlag: Diogenes
Übersetzung: Rainer Kersten
Genre: Reportagen





"Ich komme mit einem jungen Australier ins Gespräch, der fünf Tage auf dem Flughafen von Prag übernachtet hat, bevor er Unterschlupf bei Martina fand. Mitten auf seiner Weltreise ging ihm das Geld aus. Der moderne Obdachlose ist eine dekadente Spezies.
Neben dem Australier liegt ein Pärchen. Er aus Frankreich, sie aus Spanien. Der Unterschied zwischen Liegen und Sitzen ist fließend. So wie auch unklar ist, wo der Pyjama beginnt und die Jeanshose endet. Ich würde sagen: Die Jeanshose ist der Pyjama.
>>Warum hast du dich zum Couchsurfen angemeldet?<<, frage ich Martina.
>>Früher musste ich in eine Bar, um Leute zu treffen<<, sagt sie. >>Jetzt kommen sie zu mir. Ich kam zu Verabredungen auch immer zu spät, Jetzt komme ich nie mehr zu spät.<<
>>Habt ihr Hunger?<<, frage ich. >>Kann ich euch zu einem Essen in einem guten Restaurant einladen?<<
Diese Matratzengruft ist ja schön und gut, aber bevor ich mich dazulege, möchte ich doch noch was Leckeres essen.
>>Ich geh nicht mehr aus dem Haus<<, sagt Martina. >>Ich will mich betrinken und high werden, außerdem habe ich schon gegessen.<<
Obwohl man es nach dieser Äußerung nicht vermuten sollte, hat Martina eine feste Stelle in einer Werbeagentur. Sie selbst nennt sich <Sklavin des Kapitalismus>. Ihr wäre es lieber gewesen, fährt sie fort, die Revolution von 1989 hätte erst 1990 stattgefunden, dann hätte sie wenigstens noch eine Auszeichnung der sozialistischen Kinder- und Jugendorganisation bekommen."
(Aus der Reportage "Alkoholismus mit Rollkoffer". Autor: Arnon Grünberg. Übersetzung: Rainer Kersten. Verlag: Diogenes)



"Couchsurfen und andere Schlachten" ist ein recht ungewöhnlicher Titel, der aus purer Neugierde auf meinem Tisch der Neuerscheinungen gelandet ist. Brandneu ist Couchsurfen allerdings nicht, ich bespreche hier die neue Taschenbuchausgabe eines Titels, der bereits 2013 exklusiv für den Diogenes Verlag zusammengestellt wurde. Hier waren also gleich mehrere Nationen am Werk.

Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg (der übrigens fließend die deutsche Sprache spricht, das hier vorliegende Werk wurde dennoch aus dem Niederländischen von Rainer Kersten übersetzt) ist für seinen schwarzen Humor und seinen Satiren bekannt. In seiner Heimat hat er über die Jahre sämtliche wichtige Preise abgeräumt und auch in Deutschland erlangte er über die vergangenen Jahre Bekanntschaft. Ein Grund dafür dürfte auch "Couchsurfen und andere Schlachten" sein. Auf über 400 Seiten wurden Arnon Grünbergs Reportagen in einer nicht chronologischen Reihenfolge zusammengetragen mit dem Ziel, die Leser an Orte zu bringen, die sie vermutlich selbst nie erreichen werden (und wollen). Grünbergs Wege führten von Osteuropa bis in den nahen Osten mit etlichen Zwischenstopps, darunter der Kosovo und Montenegro. Ein Wunsch des Autors war es, aus seiner Schriftsteller-Monotonie zu entfliehen, ein Abenteuer erleben zu wollen und die Sehnsucht danach, etwas gänzlich neues zu erleben. Grünberg ist dabei nie Grünberg selbst, er spielt Rollen, die spielt er manchmal so gut, dass er Spaß an seinen neuen, temporären Identitäten findet. Seine Reportagen datieren zurück ins Jahr 2006. Dort begleitete er die holländische Armee nach Afghanistan.

"Schließlich gibt es kein größeres Glück als das Befriedigen der eigenen Neugier. Die Rolle des Schriftstellers als reiner Ästhet - soweit es diese Spezies überhaupt noch gibt - war jedenfalls keine, die ich je für mich angestrebt hatte. In einer schmutzigen Welt kann auch der Schriftsteller nicht mit sauberen Händen heraumlaufen."

In seinem Vorwort verspricht Grünberg nicht zu viel. Die erste Reportage des Sammelbandes -Alkoholismus mit Rollkoffer - prägt gleichzeitig auch den Titel des Buches. Zusammen mit einem Freund geht Grünberg dem Phänomen des Couchsurfings nach. Dort bieten Leute ihr Sofa wildfremden Leuten an, bei ihnen zu übernachten. Man könnte beinahe sagen, dieser Trend ist die Partnerbörse für Reisende, denn auch auf Couchsurfing.com (die Reportage ist von 2008, die Website ist jedoch noch immer beliebt wie zu damaligen Zeiten) muss man sich erst einmal annähern, bevor es ans Eingemachte geht. Mit viel Humor und einer charmanten Dreistigkeit berichtet Arnon Grünberg von einer kuriosen Woche des Couchsurfen in verschiedenen Ländern Europas (ein Besuch in Deutschland durfte natürlich nicht fehlen). Immer wieder lässt Grünberg seine persönlichen Einflüsse in seine Texte mit einfließen, hier ist er nicht nur der Journalist, sondern auch der Romancier. Am Ende merkt der Autor an, dass das Couchsurfen mitunter zu den glücklichsten Momenten in seinem Leben gehörte, eine Aussage, die ich ihm als neutraler Leser sogar abkaufe.

"Couchsurfen und andere Schlachten" lebt von seiner Kurzweil. Die Reportagen sind alle nicht lang und wurden kompakt zusammengefasst. Jede neue Reportage ist ein neues Abenteuer, auch für die Leser des Buches. Der Tonfall einer jeden Reportage unterscheidet sich von der davor. So kommt eine unglaublich bunte Mischung an Stilen zusammen. Doch bei all den Kuriositäten lernt man auch die ernste Seite Grünbergs kennen. Etliche Reportagen sind mit kurzen Anekdoten aus dem Leben des Autors geschmückt, diese wirken jedoch nie fehl am Platz sondern fügen sich wunderbar in die jeweilige Erzählung ein. Es ist besonders Grünbergs melancholischer Unterton, der diesen Erzählungen den letzten Schliff verleiht.

"Ansonsten kommt in jedem Leben der Moment, in dem man alles rundheraus leugnen muss, empört leugnen, wie die beleidigte Unschuld. So überlebt man. Oder auch nicht. Der Rest ist Melancholie."



Resümee


Sympathisch, sarkastisch und bissig. Arnon Grünbergs Reportagen bieten neben "Couchsurfen" eine menge "andere Schlachten". Beim lesen der Reportagen könnte man meinen, der Autor würde die Schlacht nicht mehr heil überstehen, letztendlich meistert Grünberg sämtliche Hürden jedoch mit einer beinahe schon unverschämten Eleganz. Ob es einfach die Absurditäten des Alltags sind über die der Autor berichtet oder auch sehr bewegende Momente, jede Reportage Grünbergs ist ein kleines Unikat. In diesem Jahr der bisher ungewöhnlichste Titel, den ich gelesen habe. Ungewöhnlich jedoch auf eine sehr angenehme Art und Weise.

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Visionär verlässt die große Bühne: George Romero (1940-2017)




Filmemacher, Autoren, Musiker oder Schauspieler machen sich durch ihr Werk unsterblich. Allerdings macht der Tod selbstverständlich auch vor ihnen nicht halt. In unseren Erinnerungen werden die größten Künstler durch ihre Hinterlassenschaften ewig weiterleben.

In den letzten 2 Monaten hat der Lungenkrebs gleich zweimal zugeschlagen. Am 27. Juni erlag der schwedische Schauspieler Michael Nyqvist mit nur 56 Jahren seinem Krebsleiden. Auch er wird in diesem Gedenk-Posting mit eingeschlossen. In der schwedischen Verfilmung der Millennium-Reihe erlangte Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist auch international große Aufmerksamkeit.

Vor wenigen Tagen, am 15. Juli, verstarb Martin Landau im hohen Alter von 89 Jahren. Einer jüngeren Generation wird Martin Landau als Bela Lugosi in Tim Burtons Verfilmung zu Ed Wood in Erinnerung geblieben sein, eine Rolle, die ihm einen Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte.

Nur einen Tag später, am 16. Juli, erreichte die Medien auch die traurige Nachricht, George (Andrew) Romero verstarb im Alter von 77 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Seit nun einigen Jahren rankten sich Gerüchte um den Gesundheitszustand des großen Visionärs.
George Romero gilt nicht nur als Urvater des Zombie-Genre, seine gesellschaftskritischen Horrorfilme inspirierten zahlreiche Filmemacher, sich seinen einzigartigen Stil als Vorbild zu nehmen. Oft kopiert doch unerreicht, so wird das Werk von George Romero genau wie das von Wes Craven vermutlich unerreicht bleiben.



Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2010

Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life




"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)


"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.

Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.

Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.

Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.

Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).




Resümee

"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.



Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.

Dienstag, 27. Juni 2017

Zum 167. Geburtstag von Lafcadio Hearn: Gedanken und Eindrücke eines Lesers





Lafcadio Hearn
Vollständiger Geburtsname: Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (Πατρίκιος Λευκάδιος Χερν)
Japanischer Name: Koizumi Yakumo (小泉 八雲)
Geboren: 27.06.1850 auf Lefkas
Gestorben: 26.09.1904 in Tokyo
Genres: Kurzgeschichten, Romane, Reiseberichte
Lafcadio Hearn auf "Am Meer ist es wärmer": Die Versöhnung des Samurai (Rezension)




Über 100 Jahre nach seinem Tod hätte Lafcadio Hearn, Sohn eines irischen Militärarztes und einer griechischen Mutter, wohl nicht damit gerechnet, dass über seine Werke auch heute noch diskutiert wird. Hearn war zu Lebzeiten einer der Wegbereiter, auch nach seinem frühen Tod, dass die sperrige japanische Kultur sich dem Western angenähert hat, besser verstanden wurde und dieses Land, welches er so romantisch und mystisch in seinen Geschichten und Reiseberichten beschreibt, auf einmal für eine ganze menge Menschen sehr interessant wurde.

Lafcadio Hean war Schriftsteller, über Wasser hielt er sich jedoch viele Jahre als Journalist. Es war das Jahr 1890, als der Beruf den rastlosen Mann nach Japan schickte. Dort wurde er sesshaft, verliebte sich in das Land und seine zukünftige Ehefrau Setsu Koizumi. Noch zu Lebzeiten erlangte Hearn als Ausländer ein beachtliches Ansehen in Japan. Er reiste durchs Land und schrieb über seine Erfahrungen. Seine bekanntesten Werke, die Nacherzählung berühmter japanischer Geistergeschichten, die fanden auf eine überraschende art und weise ein breites Publikum. Dabei war Hearn nicht einmal vollständig der japanischen Sprache mächtig. Um die 15 Bücher verfasste Hearn über Japan, in seiner schriftstellerischen Karriere umfasst sein Werk über Japan den größten Teil seines Gesamtwerks. Im Alter von nur 54 Jahren verstarb Hearn an Herzversagen.


Das Lafcadio Hearn Museum (Koizumi Yakumo Kinekan) in Matsue (Präfektur Shimane)


Im wahrsten Sinne des Wortes "geistert" der Name Lafcadio Hearn schon lange in meinem Interessenbereich herum, in den Genuss eines vollständigen Bandes des Autors kam ich aber erst zu Beginn des letzten Jahres. "Die Versöhnung des Samurai" (erschienen beim Hibarios Verlag, Besprechung oben im Text verlinkt) war ein schauriges, aber gleichzeitig auch bezauberndes Lesevergnügen. Hearn selbst hat diese alten Geistergeschichten größtenteils nur selbst, auf seine eigene, westliche art und weise (ohne aber verwestlicht zu klingen) wiedergegeben. Dieser etwas westliche Einfluss könnte sogar der Faktor gewesen sein, wieso die Texte auch in Japan sich großer Beliebtheit erfreuten und alle Werke von Hearn auch in die japanische Sprache übersetzt wurden. Lafcadio Hearn war der japanischen Sprache nicht komplett vertraut, Hilfe bekam er daher oftmals von seiner Frau Setsu, die ihm einige der gruseligen Geschichten vortrug. Hearn war von den japanischen Geistergeschichten nicht nur fasziniert, er war sogar regelrecht besessen danach. Die Spannweite der gruseligen Geschichten reicht dabei von lustigen Erzählungen über phantasievollen Erzählungen bis hin zu teils sehr grausamen und traurigen Geschichten. Hearn wählte die Geschichten aus, die ihm selbst besonders gut gefielen. Die meisten dieser Geschichten überraschen den Leser am Ende immer mit einer gut platzierten Wendung.

Doch auch abseits der Geistergeschichten verfasste Hearn unglaublich interessante Werke. In "Japans Geister" (eine wundervolle Ausgabe erschienen bei "Die Andere Bibliothek") berichtet Lafcadio Hearn fast ausschließlich über seine persönlichen Erfahrungen in Japan. Hier glänzt Hearn als Schriftsteller und beinahe in Mark Twain Manier berichtet er unter anderem humorvoll über seine Zeit im alten Japan. Darüber hinaus verfasste Hearn auch noch lesenswerte Werke, die fernab der japanischen Kultur existieren (Chita. Eine Erinnerung an Last Island).

Wer beispielsweise einen Kindle besitzt, kann sich etliche von Hearns Werken direkt bei Amazon gratis als E-Book auf das Gerät laden. Deutschsprachige Printausgaben gibt es weitaus weniger, aber am Ende dieses Beitrags werde ich noch dementsprechende Verlage verlinken, die die Werke von Lafcadio Hearn in deutscher Sprache anbieten.



Abschließende Gedanken

Schriftsteller gehören zu der seltenen Gattung Mensch, die 167 Jahre oder älter werden können. Lafcadio Hearn hat sich mit seinen Werken diesen Platz in der Weltliteratur verdient. Besonders sollte man darauf aufmerksam machen, wie gut Hearns Texte auch außerhalb seiner berühmten Geistergeschichten sind. Obwohl es insgesamt nur 14 Jahre waren, die Hearn in Japan lebte, so liest man in jeder noch so kleinen Erzählung von der Faszination und Leidenschaft, die er für dieses Land übrig hatte. Seine Geschichten haben den Zahn der Zeit wundervoll überstanden. Freunde der japanischen Literatur, die Lafcadio Hearn noch nicht kennen, die können sich auf die eine oder andere Perle freuen.


Aus der eigenen Sammlung. Foto: Aufziehvogel




Lafcadio Hearn auf Deutsch (im Preis steigend):






Reportage über Lafcadio Hearn (Englisch)

Dienstag, 20. Juni 2017

Inside: Fuminori Nakamura - Der Dieb



Inside: Eine Zusammenfassung und Analyse zu "Der Dieb"
Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.
Erschienen: 2009 in Japan. Übersetzung: Thomas Eggenberg




Über drei Jahre ist es mittlerweile her, wo ich mir vornahm, intensiver über ausgewählte Bücher zu schreiben. Damals war es Sputnik Sweetheart, ein kurzer Roman von Haruki Murakami, dem ich mich näher annahm und ein wenig ins Seelenleben dieser Geschichte blickte. Banana Yoshimoto mit "Ihre Nacht" sollte folgen, aufgrund von Zeitmangel und geringer Relevanz der Leser begrub ich aber weitere Pläne, die Rubrik fortzuführen.

Nun gab es aber erneut einen relativ kurzen Roman, der mich sehr begeistert hat. "Der Dieb", von Japans noch jungem Schriftsteller Fuminori Nakamura, beinhaltet alle Elemente, die dazu einladen, intensiver über das Buch zu diskutieren. Meine Besprechung zum Taschenbuch verfasste ich bereits ende April und kann hier eingesehen werden: Rezension

"Der Dieb" ist ein furioser Ritt. Das Buch ist mit etwas über 200 Seiten recht schlank (bei vielen japanischen Autoren ist dies meistens bereits die Standardlänge eines Romans), dennoch passiert auf jeder Seite etwas. Das besondere an dem Buch ist, es fühlt sich an, als würde man das Drehbuch zu einem Spielfilm lesen. Die Geschichte um einen Taschendieb, der immer tiefer in die japanische Unterwelt gerät, ist rasant erzählt, wirkt aber nie gehetzt. Auch wenn ich mir am Ende wünschte, der Roman hätte noch 20-30 Seiten mehr geboten, so bin ich mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden. Anders als bei einem Drehbuch gibt es hier aber dennoch die nötige Zeit, um sich in die Charaktere hineinversetzen zu können. Bei einem Drehbuch ist es meistens schwer, einen Bezug zu den Figuren aufzubauen und wird deshalb durch die Umsetzung als Film dann meistens kompensiert.

Da ich in dieser Analyse auf wichtige Einzelheiten im Buch eingehe und gleichzeitig auch über das Ende diskutiere, folgt an dieser Stelle nicht nur eine Spoiler-Warnung, wer nicht direkt auf den Link zu diesem Eintrag klickt, der wird, sollte er über die Startseite meinen Blog besuchen, den kompletten Text erst sehen, sobald er den Eintrag anklickt. Für die Leute, die direkt über eine Verlinkung einsteigen, vielleicht noch vorhaben, das Buch zu lesen, so wird die gestrichelte Linie den Abschnitt zu der eigentlichen Analyse nun trennen.

Alle anderen klicken auf "Weiterlesen"

Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.

Freitag, 9. Juni 2017

Rezension: Denunziation (Bandi)




Da der Autor sein Werk anonym veröffentlicht hat, existiert kein Bildmaterial




Nordkorea circa 1990-1995

Denunziation
Originaltitel: Go-Bal
Autor: Bandi
Vorwort: Thomas Reichart
Nachwort: Do Hee-Yoon
Erschienen/Verlag: 05.02.2017 bei Piper
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Genre: Kurzgeschichten
Wissenswertes: Weiterleitung zu Piper



"Was war das für ein haariges Monster, das um sich brüllte, je einen Fuß auf den beiden höchsten Wohngebäuden der Stadt? Ja, natürlich, das war Eobi! In Todesangst sprang Kyeong-Hui auf die Füße und rannte so schnell sie konnte davon, ohne Plan und ohne Ziel. Zu ihrer großen Überraschung waren all jene, die zitternd vor Angst die Nasen an die Fensterscheiben ihrer bienenwabenähnlichen Wohneinheiten pressten, keine Menschen, sondern Feldhasen! Haha, was für ein Witz! Das waren doch nur Nagetiere aus einer Geschichte, die ihr Mann mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Das Seltsamste war, dass auch Kyeong-Hui plötzlich in einer dieser Waben kauerte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Sie schaute sich um und entdeckte einen besonders stillen Hasen, der auf einem Bett in der Ecke des Zimmers schlief. Völlig bewegungslos lag er da und schnarchte mitleiderregend mit halb offenem Mund. Der Arme, auf der Flucht vor dem Schrei des Eobi war er sehr abgemagert. Sie sah näher hin. Warum standen denn die Schneidezähne so vor, aus dem Mund ihres Mannes? Auch das noch! Das war gar kein Hase, sondern ihr Mann!
>>Ma...mi...<<
>>Oooh... schlaf, schlaf weiter, mein Kleiner>>, murmelte sie mechanisch. Im Halbschlaf streichelte sie ihren Sohn, aber ihre Bewegung wurde immer langsamer. Trotz des tobenden Sturms senkte sich der Schlaf über die erschöpfte Stadt."
(Denunziation: Bandi. Verlag: Piper. Übersetzung: Ki Hyang Lee)



Wenn man einen Blog betreibt, der seinen Schwerpunkt auf Literatur aus Asien legt und diese besonders den Lesern nahelegen will, die vielleicht mal ganz versehentlich hier vorbei spazieren, dann wartet man immer auf ein Highlight, was es nicht alltäglich gibt und man den Lesern unbedingt präsentieren möchte. Aber besonders in der Literatur war alles schon einmal irgendwie da. Literatur aus den unmöglichsten Ländern, Nationen und Gesellschaften. Alles schon einmal da gewesen. So ist es ausgerechnet ein Beitrag aus Nordkorea, mit dem wohl niemand so wirklich rechnen darf. Klar, es gibt genug Bücher über Nordkorea, genügend Autoren mit Herkunft aus Nordkorea, die ihr Werk nach ihrer Flucht in Südkorea verfasst haben (meistens nicht einmal Belletristik sondern häufig handelt es sich hier um Autobiografien und Reportagen). Belletristik, auch noch verfasst im Land des Flüstern, so etwas ist tatsächlich eine literarische Seltenheit. Eine solche Seltenheit, dass der Autor, der die sieben Kurzgeschichten in diesem Band verfasst hat, anonym bleiben will und unter einem Pseudonym schreibt. Die Identität von Bandi (deutsch: Glühwürmchen) ist selbst Nordkorea-Experten ein Rätsel. Wie diese Kurzgeschichten in die Hände einer südkoreanischen Hilfsorganisation gelangten, liest sich mindestens so abenteuerlich wie ein Spionageroman. Doch hier handelt es sich um die Realität, zumindest ist sich da die Mehrheit sicher. Obwohl sich selbst Experten um die Authentizität dieses Buches einig sind, so wird es immer ein gewisses Maß an Restzweifel geben. Es wird nie eine hunderprozentige Sicherheit geben, ob es jemals einen Autor aus Nordkorea gibt/gab, der diese Kurzgeschichten zwischen dem Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verfasst hat. Aber vermutlich ist es genau sogar dieser Aspekt, der "Denunziation" so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt und zu einem Gesprächsthema gemacht hat.

Denunziation ist bereits 2014 in Südkorea erschienen. Bandis Biografie wie aber auch die Texte wurden nachträglich bearbeitet, um sämtliche Verbindungen zu der Person hinter dem Pseudonym zu tilgen. Die inhaltlichen Änderungen der Geschichte belaufen sich auf Änderungen von Namen und Städten. Mit Ausnahme dieser kleinen Änderungen, um die Identität des Autors zu schützen, versprach die Organisation, dass es darüber hinaus keine weiteren Anpassungen gab. Liest man sich durch die insgesamt sieben Kurzgeschichten, so dürfte auch der Leser nur noch wenige Zweifel an die Authentizität des Autors hegen. Von Beginn an muss angemerkt werden, jede einzelne Geschichte ist dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Diese Kritik gegenüber der seltsamen Diktatur aus Nordkorea wirkt aber nie aufgesetzt oder erzwungen provokant. Mit feiner Prosa erzählt Bandi hier Geschichten, die Menschen, haben sie sich noch nie mit dem Thema Nordkorea befasst, für fantasievolle Märchen halten könnten. Mit einer Portion Humor, Sarkasmus aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit zeichnet Bandi ein Bild, was zum Ende der Herrschaft von Kim Il-Sung (verstorben 1994) entstanden ist. Wie beklemmend und paranoid das Leben in der Hauptstadt Pjöngjang sein kann, dies beweist besonders die Geschichte zum Auftakt, "Die Stadt der Gespenster". Im Fokus steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der anscheinend einige Neurosen seines ängstlichen Vaters übernommen hat. In der Wohnung muss die selbstbewusste Kyeong-Hui die Fenster abdecken, damit der Junge nicht die riesigen Porträts von Marx und dem geliebten Führer Kim Il-Sung an den Hochhäusern sieht. Beim Anblick dieser Porträts verfällt der Junge in Panik und beginnt fürchterlich zu weinen. Dieses Verhalten wird für Kyeong-Hui und ihrer Familie aber noch einige weitere, verheerende Probleme mit sich bringen. Das ende dieser Kurzgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bittersüß und verhängnisvoll.

Bandis Geschichten sind immer wieder gespickt mit fantasievollen Passagen und Metaphern. In der zuletzt erwähnten Geschichte war es "Eobi", ein böses Monster, das unartige Kinder heimsucht. Die Geschichten sind alle leicht zugänglich und könnten besonders auch die Leute überraschen/interessieren, die sich mit den Sitten dieses abgeschotteten Landes bisher noch nicht beschäftigt haben. Für die leichte Verständlichkeit geht das Lob aber auch an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee. Die erfahrene Übersetzerin und Verlegerin (Herkunft: Südkorea, Seoul) war hier für die Übersetzung der Ausgabe verantwortlich, die 2014 in Südkorea veröffentlicht wurde. Da das Buch auch in den USA erschienen ist, hätte man auch auf eine englischsprachige Ausgabe zurückgreifen können, doch der Piper-Verlag hat sich, glücklicherweise, dagegen entschieden.




Resümee

"Denunziation" von Bandi ist für mich die Überraschung der ersten Jahreshälfte. Jede Geschichte weiß zu überzeugen, am Ende war ich sogar wehmütig, dass diese Reise durch ein uns so fremdes Land vorbei war. Bedenkt man aber, unter welchen Umständen diese Geschichten entstanden sein müssen und wie alt sie mittlerweile schon sind, so können wir ausländischen Leser jedoch froh sein, überhaupt in den Genuss dieser Kurzgeschichten kommen zu dürfen. "Denunziation" regt zum nachdenken an, jede darin enthaltene Geschichte besitzt aber auch das Potential, seine Leser zu unterhalten. Trotz all der Gesellschaftskritik handelt es sich hier unverkennbar nicht um eine Autobiografie. Und genau dieser Aspekt macht Bandis Kurzgeschichten zu so einer Besonderheit. Besonders aufgrund der Aktualität ein unglaublich wichtiges Buch.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Rezension: Into the Water (Paula Hawkins)







Großbritannien 2017

Into the Water
Autorin: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Christoph Göhler
Veröffentlichung: 24.05.2017
Genre: Mystery, Thriller




"Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann sah ich auf. Dort waren die Bäume und hier die Steinstufen, vermoost und tückisch nach dem Regen. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf. Woran ich mich erinnerte: An den eisigen Regen, der auf den Asphalt trommelte, die zuckenden Blaulichter, die im Wettstreit mit den Blitzen den Fluss und den Himmel erhellten, Atemwolken vor verängstigten Gesichtern und den kleinen Jungen, der bibbernd und weiß wie ein Gespenst von einer Polizistin die Stufen zur Straße hinaufgeführt wurde. Daran, wie sie seine Hand umklammert hielt, wie sie sich mit großen, wilden Augen umschaute und den Kopf hin- und herwandte, während sie irgendwen rief. Noch heute kann ich fühlen, was ich damals fühlte, Grauen und Faszination zugleich. In meinem Kopf höre ich dich immer noch sagen: Wie das wohl sein muss? Kannst du dir das vorstellen? Zusehen zu müssen, wie deine eigene Mutter stirbt?"
(Into the Water: Paula Hawkins. Verlag: Blanvalet. Übersetzung: Christoph Göhler)



"Into the Water" von Paula Hawkins fiel mir beinahe zufällig in die Hände. Geplant war der Titel und die anschließende Besprechung für eine Gast-Autorin, die für "Am Meer ist es wärmer" bereits eine Rezension zu "Girl on the Train" verfasst hat. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezensentin mir aber absagen und so blieb Into the Water auf meinem Schreibtisch liegen. Somit fiel der Titel auf meinem eigenen Stapel. Obwohl ich Gillian Flynns "Gone Girl" als sehr gelungen erachte, bin ich nun auch kein passionierter Leser von Thrillern weiblicher Autorinnen. Dass mich dieses Metier aber durchaus auch begeistern kann, dies hat zuletzt erst "Geständnisse" der japanischen Autorin Kanae Minato bewiesen. Ob Paula Hawkins neuster "Spannungsroman" mich begeistern konnte, erfahrt ihr jetzt.

Ein guter Titel ist die halbe Miete, heißt es..... oder auch nicht. Paula Hawkins hätte ihren Roman wohl lieber "Drowning Pool" genannt, wenn dies nicht unbedingt Probleme mit Urheberrechten und anderen Querelen mit sich bringen würde. Den Titel "Into the Water" kann ihr daher doch logischerweise nur ein Redakteur zugespielt haben, denn an größerer Ideenlosigkeit ist dieser langweilige Titel für einen umfangreichen Roman kaum zu überbieten. Wiederum, Girl on the Train ist auch nicht gerade ein Titel, der von Einfallsreichtum strotzt. Am wichtigsten ist jedoch, ob der Inhalt überzeugen kann. Nach dem sensationellem Erfolg von Girl on the Train hätte die Autorin ihren neusten Roman auch "Dead Body in the Water" nennen können und keinen hätte es gekümmert, denn eine feste Leserschaft war Paula Hawkins von vornherein sicher.

Into the Water beginnt nicht so, wie man sich den typischen Mystery-Thriller vorstellt. Der Prolog erinnert sogar ein wenig an die Eröffnungssequenz des Pilotfilms von Twin Peaks, die die Zuschauer durch ihre kryptische art und weise auch sehr überrascht haben dürfte. Die Geschichte beginnt im Jahr 2015 und Jules (ein Kosename für Julia) berichtet über eine Person, die ihr anscheinend mal sehr nahe stand. Trauer vermischt sich mit Wut und ihren Worten merkt man sofort an,  die Frau pflegte ein sehr zerrüttetes Verhältnis zu dieser Person. Die Feder wird an Josh weitergereicht, ein junger Mann, der wartet, dass seine Mutter heimkehrt, die, seit dem Tod ihrer Tochter, gerne mal nächtliche Spaziergänge unternimmt. Als sie am Morgen zurückkehrt und sich ins Haus schleicht, geht sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf und weckt ihren Mann, ihr Sohn Josh folgt ihr dabei heimlich. Als ihr Mann Alec aus einem tiefen Schlaf erwacht, macht seine Frau ihm die traurige Kunde, die Leiche von Nel Abbott sei vor einigen Stunden gefunden worden. Erneut wechselt die Erzählung zu Jules, die sich der Polizei als die Schwester der Verstorbenen vorstellt.

Es dauert um die 50 Seiten, bis für den Leser wirklich klar wird, um was es in dieser Geschichte geht. Durch die kryptische, sehr unkonventionelle Erzählweise gewinnt die Geschichte schnell an Fahrt. Einige Leser könnte so ein Stil vielleicht überfordern oder abschrecken, ich hingegen war überraschend angetan. Alle 5-10 Seiten (zum größten Teil der Geschichte zumindest) wechselt der Erzähler, was eine Besonderheit ist aufgrund der Kürze der jeweiligen Parts. Dabei wechselt die Erzählung auch gerne mal vom Ich-Erzähler zum Erzähler aus der dritten Person. Meine Sorge, dieser Stil könnte sich irgendwann abnutzen und langweilig werden, hat sich nicht bewahrheitet. Erst die vielen kleinen Geschichten ergeben gemeinsam ein großes Gesamtwerk, was äußerst gut durchdacht ist, aber leider auch nicht völlig ohne bekannte Klischees auskommt. Von Themen wie Feminismus möchte ich mich aber dennoch distanzieren, da diese Debatte auch wieder einmal auf der Agenda stand. Dass das Buch eher eine weibliche Leserschaft anpeilt, dürfte jetzt keine besonders große und überraschende Offenbarung sein.



Resümee

Paula Hawkins Stil sorgte bei mir für eine Überraschung. Die sich stets abwechselnden Erzähler(innen) sorgen für Spannung, Mysterien und eine menge Konfusion. Man kann nicht allen trauen, keiner sagt die Wahrheit und jeder ist mal wieder irgendwie verdächtig. Die Zutaten sind alle bekannt und wurden nicht neu erfunden, aber wie sie zusammengeführt wurden ergibt durchaus ein recht erfrischendes Konzept. "Into the Water" ist erst der zweite Mystery-Thriller von Paula Hawkins und ihr Stil scheint sich etabliert zu haben. Abgesehen von der Nutzung einiger etwas zu abgedroschener Klischees und einer kleinen Überlänge ist in dieser Geschichte alles an seinem Platz. Genau da, wo es hingehört. Paula Hawkins scheint gerne die zerstörten Teile einer Vase wieder zusammenzusetzen, aber nicht, ohne dem bekanntem Objekt noch ein eigenständiges Markenzeichen zu hinterlassen.