Archiv: Rezensionen zu Literatur und Film

Mittwoch, 19. Juli 2017

Ein Visionär verlässt die große Bühne: George Romero (1940-2017)




Filmemacher, Autoren, Musiker oder Schauspieler machen sich durch ihr Werk unsterblich. Allerdings macht der Tod selbstverständlich auch vor ihnen nicht halt. In unseren Erinnerungen werden die größten Künstler durch ihre Hinterlassenschaften ewig weiterleben.

In den letzten 2 Monaten hat der Lungenkrebs gleich zweimal zugeschlagen. Am 27. Juni erlag der schwedische Schauspieler Michael Nyqvist mit nur 56 Jahren seinem Krebsleiden. Auch er wird in diesem Gedenk-Posting mit eingeschlossen. In der schwedischen Verfilmung der Millennium-Reihe erlangte Michael Nyqvist als Mikael Blomkvist auch international große Aufmerksamkeit.

Vor wenigen Tagen, am 15. Juli, verstarb Martin Landau im hohen Alter von 89 Jahren. Einer jüngeren Generation wird Martin Landau als Bela Lugosi in Tim Burtons Verfilmung zu Ed Wood in Erinnerung geblieben sein, eine Rolle, die ihm einen Oscar als bester Nebendarsteller einbrachte.

Nur einen Tag später, am 16. Juli, erreichte die Medien auch die traurige Nachricht, George (Andrew) Romero verstarb im Alter von 77 Jahren an den Folgen von Lungenkrebs. Seit nun einigen Jahren rankten sich Gerüchte um den Gesundheitszustand des großen Visionärs.
George Romero gilt nicht nur als Urvater des Zombie-Genre, seine gesellschaftskritischen Horrorfilme inspirierten zahlreiche Filmemacher, sich seinen einzigartigen Stil als Vorbild zu nehmen. Oft kopiert doch unerreicht, so wird das Werk von George Romero genau wie das von Wes Craven vermutlich unerreicht bleiben.



Dienstag, 4. Juli 2017

Rezension: Moshi Moshi (Banana Yoshimoto)


(Foto: © Jayne Wexler)




Japan 2010

Moshi Moshi
Originaltitel: Moshi-moshi Shimokitazawa
Autorin: Banana Yoshimoto
Verlag: Diogenes (Besprochen wird hier die Taschenbuchausgabe)
Übersetzung: Matthias Pfeifer
Genre: Slice of Life




"Warum sollte ich meine eigenen vier Wände, in denen sich nur wenige Dinge von mir befanden, mit meiner Mutter teilen? Das war irgendwie unnatürlich. Ich hatte mir alles für meinen Liebsten in spe so schön ausgemalt. Nicht zusammenwohnen, sondern nur gelegentliche Übernachtungen; noch dazu wollte ich mich auf meine Arbeit konzentrieren und in meinem eigenen Rhythmus leben.
Eigentlich hätte ich, wenn es mir wirklich ernst mit meiner Selbstständigkeit gewesen wäre, zornig werden müssen, ihr böse Worte an den Kopf werfen und sie aus meiner Wohnung jagen sollen. Wäre ich ihr Sohn gewesen, hätte ich das bestimmt gemacht.
In dem Moment stützte meine Mutter die Ellbogen auf den Tisch, legte ihren Kopf in die Hände und blickte wie ein kleines Mädchen versonnen auf die regenverhangene Chazawa-Straße.
Dieser Anblick gab mir einen Stich ins Herz.
Alle Argumente, die mir durch den Kopf tobten, waren auf einmal wie weggewischt. Keine Worte konnten deutlicher ihren Wunsch ausdrücken, bei mir zu bleiben, als diese Pose. Das war nicht die Haltung einer erwachsenen Frau. Um sie lag ein Schleier, flüchtig wie ein Traum. Es war der Schleier, der eine besorgte junge Frau umgibt, ein Schleier aus Hoffnung und Einsamkeit."
(Moshi Moshi: Banana Yoshimoto. Verlag: Diogenes. Übersetzung: Matthias Pfeifer)


"Moshi Moshi" sagen die Japaner fast immer, wenn sie ein Telefonat beantworten. Dabei ist es etwas vielschichtiger als unser gewöhnliches "Hallo", der Sinngehalt aber durchaus vergleichbar. Der japanische Titel von Banana Yoshimotos Roman fügt dem "Moshi Moshi" sogar noch etwas hinzu - "Shimokitazawa". Für deutsche Leser wäre der Titel vermutlich etwas lang gewesen und nur die wenigsten hätten mit diesem Wort etwas anfangen können. Auch mir war der Name fremd, wird man im Buch aber relativ schnell aufgeklärt. Bei "Shimokitazawa", auch "Shimokita" von den Einwohnern genannt, handelt es sich um ein Stadtviertel in Setagaya, Tokyo. Bekannt ist das Viertel für Lokalitäten wie Bars, Cafes oder auch Musik. In diesem etwas illustrem Viertel ist Banana Yoshimotos Roman angesiedelt. Mit knapp 300 Seiten gehört "Moshi Moshi" außerdem zu den umfangreicheren Werken der Japanerin. Und wieder einmal ist Banana Yoshimoto in dieser Geschichte etwas außergewöhnliches gelungen, sie macht den tristen Großstadtroman zu einem Erlebnis. Kann Tokyo mit Fernweh verbunden werden? Diese geschäftige, überfüllte, niemals schlafende Stadt. Mit Shimokitazawa scheint dieses wundersame Viertel in der einsamen Weltstadt zu existieren. Ein Slice of Life Roman über das Erwachsenwerden, dem Leben in einer Gemeinschaft und einer großen Menge an Kultur.

Erzählerin der Geschichte ist die zwanzigjährige Yoshie (von Freunden und Familie "Yotchan" genannt). Beinahe beiläufig erzählt sie, ihr Vater, der Keyboarder einer recht bekannten Rockband, habe Selbstmord begangen. Selbstmord begangen gemeinsam mit einer weit entfernten Verwandten, die weder Mutter noch Tochter kannten. Tod durch Erstickung, ein natürlicher Tod ohne Fremdeinwirkung, inklusive eindeutiger Beweise am Ort des Geschehens. Dennoch ranken sich um den Tod des Vaters noch immer viele Geheimnisse, so soll Yotchans Vaters wohl schon vorher von besagter Frau mit Schlafmittel gefügig gemacht worden sein. Obwohl die beiden von dem lockeren Lebensstil des Vaters/Ehemannes wussten, gaben sie ihm seine Freiheiten, selbst eine Affäre hätte man wohl unter den Lastern eines Musikers verbucht. Der überraschende wie rätselhafte Tod des Vaters warf Yotchan und ihre Mutter gleichermaßen in ein tiefes Loch. Die Tochter hielt es nicht mehr aus und zog aus dem gemeinsamen Apartment aus um auf eigenen Beinen zu stehen. In Shimokitazawa, in einer etwas modrigen, kleinen Wohnung, lebt Yotchan nun losgelöst von der Vergangenheit in direkter nähe zu ihrem neuen Arbeitsplatz. Ihr Leben beginnt noch einmal von neuem. Die Freude über die Unabhängigkeit hält so lange an, bis Yotchans Mutter eines Abends vor ihrer Tür steht und ihr mitteilt, dass sie für einige Zeit gerne bei ihr wohnen wolle. Für die beiden Frauen beginnt ein neuer Lebensabschnitt in einem schillernden Viertel in der Großstadt Tokyo.

Wie ich es von Banana Yoshimoto gewohnt bin, so zog mich die Geschichte von Seite 1 an in ihren Bann. Habe ich kürzlich noch eine Kolumne über die Startschwierigkeiten eines Romans berichtet, so ist es eine Eigenart der japanischen Literatur, schon zu Beginn an zum Punkt zu kommen (ausgenommen sind hier die bereits in der Kolumne angesprochenen Light Novels, die allesamt ihre eigenen Probleme mit sich bringen). Yotchans Vergangenheit ist schnell erzählt, der Leser weiß sofort, in welche Richtung die Geschichte einschlagen wird. Es gibt keinen langwierigen Prolog, das zentrale Thema rund um den Verlust eines geliebten Menschen bleibt aber ein enorm wichtiges Element in "Moshi Moshi". Der Titel , eine Liebeserklärung an ein Stadtviertel, funktioniert aber auf mehreren Ebenen. Es ist die persönliche Geschichte einer jungen Frau, die sich uns, den Lesern, offenbart. Dies passiert, in typischer Banana Yoshimoto Manier, auf eine sehr charmante weise.

Dabei erfindet die Autorin sich hier selbst nicht neu. Routinierte Leser könnten sogar behaupten, es gäbe in ihren Geschichten nur selten eine Weiterentwicklung. Bereits vor einigen Jahren schrieb ich in einer anderen Kolumne darüber, dass dieses Merkmal auch auf andere bekannte japanische Autoren wie zum Beispiel Haruki Murakami oder Yoko Ogawa zutrifft. Der gewohnte Schreibstil und der gewohnte Aufbau der Geschichten inklusive der Einführung der bekannten Themen sehe ich aber als ein Stilmittel. Ich weiß, was mich erwartet wenn ich einen Roman dieser Autoren lese. Und doch werde ich immer wieder gleichermaßen auch überrascht. Dies sind Aspekte, die Leser der japanischen Literatur eher schätzen als diese als tatsächlichen Kritikpunkt zu betrachten.

Für die Übersetzung aus dem Japanischen war diesmal nicht Thomas Eggenbert verantwortlich. Für die Übersetzung von "Moshi Moshi" übernahm Matthias Pfeifer das Szepter. Den flüssigen, bildhaften Stil von Banana Yoshimoto hat auch er in eine schöne deutsche Sprache übertragen. Die Übersetzung knüpft von der Qualität her nahtlos an andere Werke an, die der Diogenes Verlag veröffentlicht hat (Ihre Nacht, Lebensgeister und so fort).




Resümee

"Moshi Moshi" ist eine ruhige Geschichte, die, wie bei Banana Yoshimoto üblich, Sehnsüchte weckt und gleichzeitig Trost spendet. Dabei spielt der Tod auch in dieser Geschichte wieder einmal eine wichtige Rolle. Zu keiner Zeit driftet der Roman aber in gefühlsduseligen Kitsch oder gar Esoterik ab. Die Art und Weise, auf spektakuläre Momente oder waghalsige Wendungen zu verzichten, aber dennoch eine emotionale, aufwühlende Geschichte zu erzählen, dies macht Banana Yoshimotos Stil aus. Tod und Leben reichen sich in "Moshi Moshi" die Klinke und beides geschieht auch noch in einer kraftvollen Harmonie. Ein starker Roman über Neuanfänge mit der typischen Yoshimoto-Magie.



Shimokitazawa in Tokyo: Gefunden bei Wayfaring Minimalist. Wissenswertes zum Viertel befindet sich in englischer Sprache im Link.

Dienstag, 27. Juni 2017

Zum 167. Geburtstag von Lafcadio Hearn: Gedanken und Eindrücke eines Lesers





Lafcadio Hearn
Vollständiger Geburtsname: Patricio Lafcadio Tessima Carlos Hearn (Πατρίκιος Λευκάδιος Χερν)
Japanischer Name: Koizumi Yakumo (小泉 八雲)
Geboren: 27.06.1850 auf Lefkas
Gestorben: 26.09.1904 in Tokyo
Genres: Kurzgeschichten, Romane, Reiseberichte
Lafcadio Hearn auf "Am Meer ist es wärmer": Die Versöhnung des Samurai (Rezension)




Über 100 Jahre nach seinem Tod hätte Lafcadio Hearn, Sohn eines irischen Militärarztes und einer griechischen Mutter, wohl nicht damit gerechnet, dass über seine Werke auch heute noch diskutiert wird. Hearn war zu Lebzeiten einer der Wegbereiter, auch nach seinem frühen Tod, dass die sperrige japanische Kultur sich dem Western angenähert hat, besser verstanden wurde und dieses Land, welches er so romantisch und mystisch in seinen Geschichten und Reiseberichten beschreibt, auf einmal für eine ganze menge Menschen sehr interessant wurde.

Lafcadio Hean war Schriftsteller, über Wasser hielt er sich jedoch viele Jahre als Journalist. Es war das Jahr 1890, als der Beruf den rastlosen Mann nach Japan schickte. Dort wurde er sesshaft, verliebte sich in das Land und seine zukünftige Ehefrau Setsu Koizumi. Noch zu Lebzeiten erlangte Hearn als Ausländer ein beachtliches Ansehen in Japan. Er reiste durchs Land und schrieb über seine Erfahrungen. Seine bekanntesten Werke, die Nacherzählung berühmter japanischer Geistergeschichten, die fanden auf eine überraschende art und weise ein breites Publikum. Dabei war Hearn nicht einmal vollständig der japanischen Sprache mächtig. Um die 15 Bücher verfasste Hearn über Japan, in seiner schriftstellerischen Karriere umfasst sein Werk über Japan den größten Teil seines Gesamtwerks. Im Alter von nur 54 Jahren verstarb Hearn an Herzversagen.


Das Lafcadio Hearn Museum (Koizumi Yakumo Kinekan) in Matsue (Präfektur Shimane)


Im wahrsten Sinne des Wortes "geistert" der Name Lafcadio Hearn schon lange in meinem Interessenbereich herum, in den Genuss eines vollständigen Bandes des Autors kam ich aber erst zu Beginn des letzten Jahres. "Die Versöhnung des Samurai" (erschienen beim Hibarios Verlag, Besprechung oben im Text verlinkt) war ein schauriges, aber gleichzeitig auch bezauberndes Lesevergnügen. Hearn selbst hat diese alten Geistergeschichten größtenteils nur selbst, auf seine eigene, westliche art und weise (ohne aber verwestlicht zu klingen) wiedergegeben. Dieser etwas westliche Einfluss könnte sogar der Faktor gewesen sein, wieso die Texte auch in Japan sich großer Beliebtheit erfreuten und alle Werke von Hearn auch in die japanische Sprache übersetzt wurden. Lafcadio Hearn war der japanischen Sprache nicht komplett vertraut, Hilfe bekam er daher oftmals von seiner Frau Setsu, die ihm einige der gruseligen Geschichten vortrug. Hearn war von den japanischen Geistergeschichten nicht nur fasziniert, er war sogar regelrecht besessen danach. Die Spannweite der gruseligen Geschichten reicht dabei von lustigen Erzählungen über phantasievollen Erzählungen bis hin zu teils sehr grausamen und traurigen Geschichten. Hearn wählte die Geschichten aus, die ihm selbst besonders gut gefielen. Die meisten dieser Geschichten überraschen den Leser am Ende immer mit einer gut platzierten Wendung.

Doch auch abseits der Geistergeschichten verfasste Hearn unglaublich interessante Werke. In "Japans Geister" (eine wundervolle Ausgabe erschienen bei "Die Andere Bibliothek") berichtet Lafcadio Hearn fast ausschließlich über seine persönlichen Erfahrungen in Japan. Hier glänzt Hearn als Schriftsteller und beinahe in Mark Twain Manier berichtet er unter anderem humorvoll über seine Zeit im alten Japan. Darüber hinaus verfasste Hearn auch noch lesenswerte Werke, die fernab der japanischen Kultur existieren (Chita. Eine Erinnerung an Last Island).

Wer beispielsweise einen Kindle besitzt, kann sich etliche von Hearns Werken direkt bei Amazon gratis als E-Book auf das Gerät laden. Deutschsprachige Printausgaben gibt es weitaus weniger, aber am Ende dieses Beitrags werde ich noch dementsprechende Verlage verlinken, die die Werke von Lafcadio Hearn in deutscher Sprache anbieten.



Abschließende Gedanken

Schriftsteller gehören zu der seltenen Gattung Mensch, die 167 Jahre oder älter werden können. Lafcadio Hearn hat sich mit seinen Werken diesen Platz in der Weltliteratur verdient. Besonders sollte man darauf aufmerksam machen, wie gut Hearns Texte auch außerhalb seiner berühmten Geistergeschichten sind. Obwohl es insgesamt nur 14 Jahre waren, die Hearn in Japan lebte, so liest man in jeder noch so kleinen Erzählung von der Faszination und Leidenschaft, die er für dieses Land übrig hatte. Seine Geschichten haben den Zahn der Zeit wundervoll überstanden. Freunde der japanischen Literatur, die Lafcadio Hearn noch nicht kennen, die können sich auf die eine oder andere Perle freuen.


Aus der eigenen Sammlung. Foto: Aufziehvogel




Lafcadio Hearn auf Deutsch (im Preis steigend):






Reportage über Lafcadio Hearn (Englisch)

Dienstag, 20. Juni 2017

Inside: Fuminori Nakamura - Der Dieb



Inside: Eine Zusammenfassung und Analyse zu "Der Dieb"
Auf Deutsch erschienen bei Diogenes.
Erschienen: 2009 in Japan. Übersetzung: Thomas Eggenberg




Über drei Jahre ist es mittlerweile her, wo ich mir vornahm, intensiver über ausgewählte Bücher zu schreiben. Damals war es Sputnik Sweetheart, ein kurzer Roman von Haruki Murakami, dem ich mich näher annahm und ein wenig ins Seelenleben dieser Geschichte blickte. Banana Yoshimoto mit "Ihre Nacht" sollte folgen, aufgrund von Zeitmangel und geringer Relevanz der Leser begrub ich aber weitere Pläne, die Rubrik fortzuführen.

Nun gab es aber erneut einen relativ kurzen Roman, der mich sehr begeistert hat. "Der Dieb", von Japans noch jungem Schriftsteller Fuminori Nakamura, beinhaltet alle Elemente, die dazu einladen, intensiver über das Buch zu diskutieren. Meine Besprechung zum Taschenbuch verfasste ich bereits ende April und kann hier eingesehen werden: Rezension

"Der Dieb" ist ein furioser Ritt. Das Buch ist mit etwas über 200 Seiten recht schlank (bei vielen japanischen Autoren ist dies meistens bereits die Standardlänge eines Romans), dennoch passiert auf jeder Seite etwas. Das besondere an dem Buch ist, es fühlt sich an, als würde man das Drehbuch zu einem Spielfilm lesen. Die Geschichte um einen Taschendieb, der immer tiefer in die japanische Unterwelt gerät, ist rasant erzählt, wirkt aber nie gehetzt. Auch wenn ich mir am Ende wünschte, der Roman hätte noch 20-30 Seiten mehr geboten, so bin ich mit dem Ausgang der Geschichte sehr zufrieden. Anders als bei einem Drehbuch gibt es hier aber dennoch die nötige Zeit, um sich in die Charaktere hineinversetzen zu können. Bei einem Drehbuch ist es meistens schwer, einen Bezug zu den Figuren aufzubauen und wird deshalb durch die Umsetzung als Film dann meistens kompensiert.

Da ich in dieser Analyse auf wichtige Einzelheiten im Buch eingehe und gleichzeitig auch über das Ende diskutiere, folgt an dieser Stelle nicht nur eine Spoiler-Warnung, wer nicht direkt auf den Link zu diesem Eintrag klickt, der wird, sollte er über die Startseite meinen Blog besuchen, den kompletten Text erst sehen, sobald er den Eintrag anklickt. Für die Leute, die direkt über eine Verlinkung einsteigen, vielleicht noch vorhaben, das Buch zu lesen, so wird die gestrichelte Linie den Abschnitt zu der eigentlichen Analyse nun trennen.

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Samstag, 17. Juni 2017

Einwurf: Es war einmal.....




Der berüchtigte Blog-Einwurf ist in den letzten Monaten ziemlich untergegangen. Eine Rubrik, für die niemand diesen Blog besuchen würde und die vermutlich weniger Interessenten findet, als ein Jahresabonnement für den Empfang des Staatsfernsehens aus Nordkorea. Dennoch liegt mir diese Rubrik sehr am Herzen. Aus zeitlichen Gründen müssen so einige virtuellen Pläne derzeit einen Platz auf den hinteren Reihen einnehmen.

Ein Thema, womit ich mich in diesem Einwurf befassen will, ist ein Klassiker der Literatur. Nimmt man es genau, hat sich dieses "Problem" auch noch auf vielen anderen Medien ausgeweitet. "Der Anfang einer Geschichte". Beinahe jede Geschichte beginnt so - "Es war einmal....."
Ob man nun ein Buch liest, einen Film schaut oder eine Serie startet, jede Geschichte muss einen Anfang haben. Viele Werke schaffen das ganz gut, andere wiederum tun sich mit dem Anfang einer Geschichte äußerst schwer. Der Pate 2 zum Beispiel hat, trotz seines Status als einer der besten Filme aller Zeiten, ein sehr großes Problem mit dem Tempo. In der Literatur ist der Beginn einer Geschichte aber noch einmal eine ganz andere Nummer. Obwohl ich einen Blog führe, dessen Hauptaugenmerk auf Bücher gerichtet ist, so bin ich dann am Ende doch kein fanatischer Leser, der wöchentlich 1-2 Bücher verschlingt. Jeden einzelnen Titel suche ich mir bewusst aus und nur die Titel, die mir außerordentlich gut gefallen haben, bekommen einen Besprechung spendiert. Von enorm langen Wälzern halte ich mich meistens distanziert, das gleiche gilt aber auch für Buchreihen, die mehrere Bände mit sich bringen.

Und so frage ich mich, besonders bei den langen Buchreihen, kann man nicht einfach bei Band 2 einsteigen? Mit Band 1 anzufangen bringt doch wieder so langwierige Prozesse mit sich! Es startet mit dem obligatorischem Prolog. Der Leser wird heiß auf das gemacht, was ihn erwartet. Der Prolog ist der Schlüssel zu jeder Geschichte. Doch dann folgt Kapitel 1. Oh ja, auf Kapitel 1 dürfte meistens nicht einmal der Autor selbst lust haben. Vielleicht ja auch ein Grund, wieso eine menge Autoren und Hobby-Schreiber meistens mit der Mitte oder gar dem Ende ihrer Geschichte beginnen. Da ich selbst einer dieser Hobby-Schreiber war, so war es für mich unmöglich, als mit etwas anderem anzufangen als Kapitel 1 (ich habe es mehrmals versucht). Grund dafür ist, ich hatte zum Beginn meiner eigenen Geschichten meistens nur eine rohe Skizze vor mir, in welche Richtung die Handlung verlaufen könnte. Dennoch könnte ich genau so gut sagen, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie mein eigenes Werk verlaufen wird. Ein Aspekt, den man sich eigentlich nur bei Kurzgeschichten erlauben kann. Und, ehrlich gesagt, ich war schon immer ein bisschen mehr Fan der kurzen Geschichte, als von den wuchtigen, langen und ausführlichen Romanen. Die von vorn bis hinten genau durchdachten Romane mit Form und Struktur. Eine Kurzgeschichte hingegen kann unberechenbar sein, man kann experimentieren und es einfach drauf ankommen lassen. Kurzgeschichten genießen in Deutschland nicht unbedingt den besten Ruf. Eine menge Leser können sich auf ein kurzes Lesevergnügen nicht einlassen. Sie vermissen die ausführlich beschriebenen Charaktere und den gewohnten Aufbau einer langen Geschichte.

Und hier kommt der Bumerang zurück zu "Kapitel 1". Das erste Kapitel, der tatsächliche Auftakt einer Geschichte, das ist die erste Hürde, die der Autor und somit auch seine Leser zu bewältigen haben. Im Vorfeld weiß man, dass die Geschichte, die man gerade liest, erst einmal in die Gänge kommen muss. Man muss die Protagonisten und die Nebenfiguren kennen lernen, den Schauplatz und den berüchtigten MacGuffin, der die Geschichte vorantreibt. Packt man all diese Elemente zusammen, so kann der Auftakt einer Geschichte so langwierig wie nur möglich werden. Manchmal dauert er auch einen ganzen Band lang an, wenn es sich um eine Buchreihe handelt. Ein Problem, was besonders in der japanischen Light-Novel Industrie (Light Novel sind in der Regel kürzere Romane mit ausgewählten Illustrationen, die gerne mal weit um die 20 Bände beinhalten können). Da bei Light Novels häufig auch noch mit Klischees gespielt wird, so kann sich der Auftakt einer Geschichte oftmals als regelrechte Tortur entpuppen. Genau dieses Problem haftet auch dem ersten Band von Occultic;Nine an, der neuen Reihe von Steins;Gate Macher Chiyomaru Shikura. Alles, was ich gerade aufgezählt habe, haftet auch Band 1 von Occultic;Nine an. Der Band ist ein einziger großer Prolog, ab und an blitzt jedoch Potential auf, welches die Geschichte vorantreiben könnte, nur um ein Kapitel später wieder in alte Muster zu verfallen. Das Problem von Occultic;Nine wird schnell klar, besonders, wenn man das Nachwort des Autors liest, der offensichtliche Probleme mit der Geschichte zugibt. Chikura ist grundsätzlich ein Mann, der sich bei seinen Geschichten sehr gerne Zeit nimmt. Zeit, die er bei einer Light Novel nicht hat. Um dem besagten Problem von Occultic;Nine auf den Grund zu gehen, dies ist schnell geklärt. Genau wie bei "Das Lied von Eis und Feuer" von George R.R. Martin übernimmt in jedem Kapitel ein neuer Protagonist das Ruder (bei Occultic;Nine erfolgt die Erzählung zusätzlich aus der Ich-Perspektive). Während George R.R. Martin diese Erzählkunst durch Erfahrung bereits zum Beginn von Eis und Feuer perfektioniert hat, hatte er weniger Probleme, einen ansprechenden wie spannenden Auftakt zu liefern. Bei Occultic;Nine hingegen fühlt sich jedes neue Kapitel wieder wie Kapitel 1 an. Der Zähler wird praktisch nach jedem Kapitel wieder zurück auf 0 gesetzt. Dem Leser wird ein neuer Erzähler präsentiert und somit auch eine neue Geschichte. Sobald die Geschichte einen spannenden Punkt erreicht hat, wird sie auf 0 zurückgesetzt wenn im nächsten Kapitel entweder wieder ein neuer Charakter eingeführt wird, oder aber ein Erzählstrang fortgesetzt wird, der einfach nicht in die Gänge kommen will. Für den Leser kann dies eine unglaublich langwierige Angelegenheit sein, da dieser immer wieder erneut den Auftakt einer Geschichte lesen muss. Der gesamte erste Band wirkt somit wie eine wirre Aneinanderreihung zusammenhangsloser Geschichten, die, würde der Autor auf diese art der Erzählung verzichten, durchaus eine menge Potential birgt.

Und so komme ich zum Ende noch einmal auf den Ausgangspunkt dieses Einwurfs zurück. Kann man nicht einfach mit Band 2 anfangen? Kann man sich nicht einfach eine Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse auf Wikipedia durchlesen und sich die ganzen Mühen rund um den Auftakt einer Geschichte sparen? Und, da ich es selbst schon mehrmals probiert habe bei der ein oder anderen bekannten Reihe, so kann ich diese Frage auch beruhigt mit "Nein" beantworten. Egal wie man es dreht und wendet, entweder kommt man trotz einer Zusammenfassung noch durcheinander oder aber man wird in der Fortsetzung förmlich dazu verleitet, sich den Auftakt durchzulesen. Der Vorteil, auf diese ungewöhnliche weise mit einer Buchreihe anzufangen, ist, man bekommt bereits einiges von den Protagonisten und Nebenfiguren mit und man wird nicht mehr so große Probleme damit haben, mit ihnen im ersten Band warm zu werden oder sie zu verachten. Letztendlich wird man sich aber wohl selbst eingestehen, es führt kein Weg an Kapitel 1 vorbei. Ob man es mag oder nicht, so beginnt eine Geschichte (in den meisten Fällen!) und selbst die besten davon hatten mit einem langwierigen Auftakt zu kämpfen. Als Leser muss man den langsamen Weg gehen, um einige Kapitel später in den vollen Genuss einer spannenden Geschichte zu kommen. Und so kann selbst der langweiligste Beginn einer Geschichte sich noch als literarischer Höhepunkt entpuppen. Denn man darf nie vergessen, jede noch so unbedeutende Geschichte beginnt mit "Es war einmal.....", auch, wenn diese drei Worte nicht dazu verpflichtet sind, sich auch jedesmal zu zeigen.

Freitag, 9. Juni 2017

Rezension: Denunziation (Bandi)




Da der Autor sein Werk anonym veröffentlicht hat, existiert kein Bildmaterial




Nordkorea circa 1990-1995

Denunziation
Originaltitel: Go-Bal
Autor: Bandi
Vorwort: Thomas Reichart
Nachwort: Do Hee-Yoon
Erschienen/Verlag: 05.02.2017 bei Piper
Übersetzung aus dem Koreanischen: Ki-Hyang Lee
Genre: Kurzgeschichten
Wissenswertes: Weiterleitung zu Piper



"Was war das für ein haariges Monster, das um sich brüllte, je einen Fuß auf den beiden höchsten Wohngebäuden der Stadt? Ja, natürlich, das war Eobi! In Todesangst sprang Kyeong-Hui auf die Füße und rannte so schnell sie konnte davon, ohne Plan und ohne Ziel. Zu ihrer großen Überraschung waren all jene, die zitternd vor Angst die Nasen an die Fensterscheiben ihrer bienenwabenähnlichen Wohneinheiten pressten, keine Menschen, sondern Feldhasen! Haha, was für ein Witz! Das waren doch nur Nagetiere aus einer Geschichte, die ihr Mann mit schöner Regelmäßigkeit erzählte. Das Seltsamste war, dass auch Kyeong-Hui plötzlich in einer dieser Waben kauerte, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen war. Sie schaute sich um und entdeckte einen besonders stillen Hasen, der auf einem Bett in der Ecke des Zimmers schlief. Völlig bewegungslos lag er da und schnarchte mitleiderregend mit halb offenem Mund. Der Arme, auf der Flucht vor dem Schrei des Eobi war er sehr abgemagert. Sie sah näher hin. Warum standen denn die Schneidezähne so vor, aus dem Mund ihres Mannes? Auch das noch! Das war gar kein Hase, sondern ihr Mann!
>>Ma...mi...<<
>>Oooh... schlaf, schlaf weiter, mein Kleiner>>, murmelte sie mechanisch. Im Halbschlaf streichelte sie ihren Sohn, aber ihre Bewegung wurde immer langsamer. Trotz des tobenden Sturms senkte sich der Schlaf über die erschöpfte Stadt."
(Denunziation: Bandi. Verlag: Piper. Übersetzung: Ki Hyang Lee)



Wenn man einen Blog betreibt, der seinen Schwerpunkt auf Literatur aus Asien legt und diese besonders den Lesern nahelegen will, die vielleicht mal ganz versehentlich hier vorbei spazieren, dann wartet man immer auf ein Highlight, was es nicht alltäglich gibt und man den Lesern unbedingt präsentieren möchte. Aber besonders in der Literatur war alles schon einmal irgendwie da. Literatur aus den unmöglichsten Ländern, Nationen und Gesellschaften. Alles schon einmal da gewesen. So ist es ausgerechnet ein Beitrag aus Nordkorea, mit dem wohl niemand so wirklich rechnen darf. Klar, es gibt genug Bücher über Nordkorea, genügend Autoren mit Herkunft aus Nordkorea, die ihr Werk nach ihrer Flucht in Südkorea verfasst haben (meistens nicht einmal Belletristik sondern häufig handelt es sich hier um Autobiografien und Reportagen). Belletristik, auch noch verfasst im Land des Flüstern, so etwas ist tatsächlich eine literarische Seltenheit. Eine solche Seltenheit, dass der Autor, der die sieben Kurzgeschichten in diesem Band verfasst hat, anonym bleiben will und unter einem Pseudonym schreibt. Die Identität von Bandi (deutsch: Glühwürmchen) ist selbst Nordkorea-Experten ein Rätsel. Wie diese Kurzgeschichten in die Hände einer südkoreanischen Hilfsorganisation gelangten, liest sich mindestens so abenteuerlich wie ein Spionageroman. Doch hier handelt es sich um die Realität, zumindest ist sich da die Mehrheit sicher. Obwohl sich selbst Experten um die Authentizität dieses Buches einig sind, so wird es immer ein gewisses Maß an Restzweifel geben. Es wird nie eine hunderprozentige Sicherheit geben, ob es jemals einen Autor aus Nordkorea gibt/gab, der diese Kurzgeschichten zwischen dem Ende der 80er bis in die Mitte der 90er verfasst hat. Aber vermutlich ist es genau sogar dieser Aspekt, der "Denunziation" so viel Aufmerksamkeit zukommen lässt und zu einem Gesprächsthema gemacht hat.

Denunziation ist bereits 2014 in Südkorea erschienen. Bandis Biografie wie aber auch die Texte wurden nachträglich bearbeitet, um sämtliche Verbindungen zu der Person hinter dem Pseudonym zu tilgen. Die inhaltlichen Änderungen der Geschichte belaufen sich auf Änderungen von Namen und Städten. Mit Ausnahme dieser kleinen Änderungen, um die Identität des Autors zu schützen, versprach die Organisation, dass es darüber hinaus keine weiteren Anpassungen gab. Liest man sich durch die insgesamt sieben Kurzgeschichten, so dürfte auch der Leser nur noch wenige Zweifel an die Authentizität des Autors hegen. Von Beginn an muss angemerkt werden, jede einzelne Geschichte ist dem Regime gegenüber kritisch eingestellt. Diese Kritik gegenüber der seltsamen Diktatur aus Nordkorea wirkt aber nie aufgesetzt oder erzwungen provokant. Mit feiner Prosa erzählt Bandi hier Geschichten, die Menschen, haben sie sich noch nie mit dem Thema Nordkorea befasst, für fantasievolle Märchen halten könnten. Mit einer Portion Humor, Sarkasmus aber auch der nötigen Ernsthaftigkeit zeichnet Bandi ein Bild, was zum Ende der Herrschaft von Kim Il-Sung (verstorben 1994) entstanden ist. Wie beklemmend und paranoid das Leben in der Hauptstadt Pjöngjang sein kann, dies beweist besonders die Geschichte zum Auftakt, "Die Stadt der Gespenster". Im Fokus steht eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, der anscheinend einige Neurosen seines ängstlichen Vaters übernommen hat. In der Wohnung muss die selbstbewusste Kyeong-Hui die Fenster abdecken, damit der Junge nicht die riesigen Porträts von Marx und dem geliebten Führer Kim Il-Sung an den Hochhäusern sieht. Beim Anblick dieser Porträts verfällt der Junge in Panik und beginnt fürchterlich zu weinen. Dieses Verhalten wird für Kyeong-Hui und ihrer Familie aber noch einige weitere, verheerende Probleme mit sich bringen. Das ende dieser Kurzgeschichte ist im wahrsten Sinne des Wortes bittersüß und verhängnisvoll.

Bandis Geschichten sind immer wieder gespickt mit fantasievollen Passagen und Metaphern. In der zuletzt erwähnten Geschichte war es "Eobi", ein böses Monster, das unartige Kinder heimsucht. Die Geschichten sind alle leicht zugänglich und könnten besonders auch die Leute überraschen/interessieren, die sich mit den Sitten dieses abgeschotteten Landes bisher noch nicht beschäftigt haben. Für die leichte Verständlichkeit geht das Lob aber auch an die Übersetzerin Ki-Hyang Lee. Die erfahrene Übersetzerin und Verlegerin (Herkunft: Südkorea, Seoul) war hier für die Übersetzung der Ausgabe verantwortlich, die 2014 in Südkorea veröffentlicht wurde. Da das Buch auch in den USA erschienen ist, hätte man auch auf eine englischsprachige Ausgabe zurückgreifen können, doch der Piper-Verlag hat sich, glücklicherweise, dagegen entschieden.




Resümee

"Denunziation" von Bandi ist für mich die Überraschung der ersten Jahreshälfte. Jede Geschichte weiß zu überzeugen, am Ende war ich sogar wehmütig, dass diese Reise durch ein uns so fremdes Land vorbei war. Bedenkt man aber, unter welchen Umständen diese Geschichten entstanden sein müssen und wie alt sie mittlerweile schon sind, so können wir ausländischen Leser jedoch froh sein, überhaupt in den Genuss dieser Kurzgeschichten kommen zu dürfen. "Denunziation" regt zum nachdenken an, jede darin enthaltene Geschichte besitzt aber auch das Potential, seine Leser zu unterhalten. Trotz all der Gesellschaftskritik handelt es sich hier unverkennbar nicht um eine Autobiografie. Und genau dieser Aspekt macht Bandis Kurzgeschichten zu so einer Besonderheit. Besonders aufgrund der Aktualität ein unglaublich wichtiges Buch.

Mittwoch, 31. Mai 2017

Rezension: Into the Water (Paula Hawkins)







Großbritannien 2017

Into the Water
Autorin: Paula Hawkins
Verlag: Blanvalet
Übersetzung: Christoph Göhler
Veröffentlichung: 24.05.2017
Genre: Mystery, Thriller




"Ich lenkte den Wagen an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Dann sah ich auf. Dort waren die Bäume und hier die Steinstufen, vermoost und tückisch nach dem Regen. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf. Woran ich mich erinnerte: An den eisigen Regen, der auf den Asphalt trommelte, die zuckenden Blaulichter, die im Wettstreit mit den Blitzen den Fluss und den Himmel erhellten, Atemwolken vor verängstigten Gesichtern und den kleinen Jungen, der bibbernd und weiß wie ein Gespenst von einer Polizistin die Stufen zur Straße hinaufgeführt wurde. Daran, wie sie seine Hand umklammert hielt, wie sie sich mit großen, wilden Augen umschaute und den Kopf hin- und herwandte, während sie irgendwen rief. Noch heute kann ich fühlen, was ich damals fühlte, Grauen und Faszination zugleich. In meinem Kopf höre ich dich immer noch sagen: Wie das wohl sein muss? Kannst du dir das vorstellen? Zusehen zu müssen, wie deine eigene Mutter stirbt?"
(Into the Water: Paula Hawkins. Verlag: Blanvalet. Übersetzung: Christoph Göhler)



"Into the Water" von Paula Hawkins fiel mir beinahe zufällig in die Hände. Geplant war der Titel und die anschließende Besprechung für eine Gast-Autorin, die für "Am Meer ist es wärmer" bereits eine Rezension zu "Girl on the Train" verfasst hat. Aus zeitlichen Gründen musste die Rezensentin mir aber absagen und so blieb Into the Water auf meinem Schreibtisch liegen. Somit fiel der Titel auf meinem eigenen Stapel. Obwohl ich Gillian Flynns "Gone Girl" als sehr gelungen erachte, bin ich nun auch kein passionierter Leser von Thrillern weiblicher Autorinnen. Dass mich dieses Metier aber durchaus auch begeistern kann, dies hat zuletzt erst "Geständnisse" der japanischen Autorin Kanae Minato bewiesen. Ob Paula Hawkins neuster "Spannungsroman" mich begeistern konnte, erfahrt ihr jetzt.

Ein guter Titel ist die halbe Miete, heißt es..... oder auch nicht. Paula Hawkins hätte ihren Roman wohl lieber "Drowning Pool" genannt, wenn dies nicht unbedingt Probleme mit Urheberrechten und anderen Querelen mit sich bringen würde. Den Titel "Into the Water" kann ihr daher doch logischerweise nur ein Redakteur zugespielt haben, denn an größerer Ideenlosigkeit ist dieser langweilige Titel für einen umfangreichen Roman kaum zu überbieten. Wiederum, Girl on the Train ist auch nicht gerade ein Titel, der von Einfallsreichtum strotzt. Am wichtigsten ist jedoch, ob der Inhalt überzeugen kann. Nach dem sensationellem Erfolg von Girl on the Train hätte die Autorin ihren neusten Roman auch "Dead Body in the Water" nennen können und keinen hätte es gekümmert, denn eine feste Leserschaft war Paula Hawkins von vornherein sicher.

Into the Water beginnt nicht so, wie man sich den typischen Mystery-Thriller vorstellt. Der Prolog erinnert sogar ein wenig an die Eröffnungssequenz des Pilotfilms von Twin Peaks, die die Zuschauer durch ihre kryptische art und weise auch sehr überrascht haben dürfte. Die Geschichte beginnt im Jahr 2015 und Jules (ein Kosename für Julia) berichtet über eine Person, die ihr anscheinend mal sehr nahe stand. Trauer vermischt sich mit Wut und ihren Worten merkt man sofort an,  die Frau pflegte ein sehr zerrüttetes Verhältnis zu dieser Person. Die Feder wird an Josh weitergereicht, ein junger Mann, der wartet, dass seine Mutter heimkehrt, die, seit dem Tod ihrer Tochter, gerne mal nächtliche Spaziergänge unternimmt. Als sie am Morgen zurückkehrt und sich ins Haus schleicht, geht sie die Treppen zum Schlafzimmer hinauf und weckt ihren Mann, ihr Sohn Josh folgt ihr dabei heimlich. Als ihr Mann Alec aus einem tiefen Schlaf erwacht, macht seine Frau ihm die traurige Kunde, die Leiche von Nel Abbott sei vor einigen Stunden gefunden worden. Erneut wechselt die Erzählung zu Jules, die sich der Polizei als die Schwester der Verstorbenen vorstellt.

Es dauert um die 50 Seiten, bis für den Leser wirklich klar wird, um was es in dieser Geschichte geht. Durch die kryptische, sehr unkonventionelle Erzählweise gewinnt die Geschichte schnell an Fahrt. Einige Leser könnte so ein Stil vielleicht überfordern oder abschrecken, ich hingegen war überraschend angetan. Alle 5-10 Seiten (zum größten Teil der Geschichte zumindest) wechselt der Erzähler, was eine Besonderheit ist aufgrund der Kürze der jeweiligen Parts. Dabei wechselt die Erzählung auch gerne mal vom Ich-Erzähler zum Erzähler aus der dritten Person. Meine Sorge, dieser Stil könnte sich irgendwann abnutzen und langweilig werden, hat sich nicht bewahrheitet. Erst die vielen kleinen Geschichten ergeben gemeinsam ein großes Gesamtwerk, was äußerst gut durchdacht ist, aber leider auch nicht völlig ohne bekannte Klischees auskommt. Von Themen wie Feminismus möchte ich mich aber dennoch distanzieren, da diese Debatte auch wieder einmal auf der Agenda stand. Dass das Buch eher eine weibliche Leserschaft anpeilt, dürfte jetzt keine besonders große und überraschende Offenbarung sein.



Resümee

Paula Hawkins Stil sorgte bei mir für eine Überraschung. Die sich stets abwechselnden Erzähler(innen) sorgen für Spannung, Mysterien und eine menge Konfusion. Man kann nicht allen trauen, keiner sagt die Wahrheit und jeder ist mal wieder irgendwie verdächtig. Die Zutaten sind alle bekannt und wurden nicht neu erfunden, aber wie sie zusammengeführt wurden ergibt durchaus ein recht erfrischendes Konzept. "Into the Water" ist erst der zweite Mystery-Thriller von Paula Hawkins und ihr Stil scheint sich etabliert zu haben. Abgesehen von der Nutzung einiger etwas zu abgedroschener Klischees und einer kleinen Überlänge ist in dieser Geschichte alles an seinem Platz. Genau da, wo es hingehört. Paula Hawkins scheint gerne die zerstörten Teile einer Vase wieder zusammenzusetzen, aber nicht, ohne dem bekanntem Objekt noch ein eigenständiges Markenzeichen zu hinterlassen.

Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Geständnisse (Kanae Minato)



(Foto: ©Ayako Shimobayashi)




Japan 2008

Geständnisse
Originaltitel: Kokuhaku
Autorin: Kanae Minato
Verlag: C. Bertelsmann
Übersetzung: Sabine Lohmann nach einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder
Veröffentlichung: 27.03.2017 beim C. Bertelsmann Verlag
Genre: Gesellschaftsdrama, Mystery-Thriller (Iyamisu)



"Ich frage mich, was für ein Bild die Leute sich wohl von dieser Lunacy machen. Überlegt mal, würde eine schöne junge Frau sich freiwillig als unzurechnungsfähig bezeichnen? Wenn man von Gesetzes wegen keine Bilder von jugendlichen Mördern veröffentlichen darf, warum dann die Leute dazu verleiten, sich jemand Hübsches vorzustellen? Besser, man würde stattdessen ein fingiertes Bild von der Person unter die Leute bringen, ein Foto von einer bösartig grinsenden Verrückten. Warum denn nicht zeigen, was für eine Sorte Mensch so jemand ist? Wenn wir sie stattdessen in Watte packen und jede Menge Aufhebens um sie veranstalten, bestärken wir sie dann nicht noch in ihrem Narzissmus? Und werden sich dann nicht noch mehr törichte Kinder dazu angeregt fühlen, sie zu verehren? Und vor allem, wenn ein Kind ein derartiges Verbrechen begeht, obliegt es dann nicht den Erwachsenen, so diskret wie möglich damit umzugehen und dem Verbrecher die Schwere seines Vergehens unmissverständlich klar zu machen? Diese Lunacy wird ein paar Jahre in irgendeiner Erziehungsanstalt verbringen, vielleicht irgendeine Art von Abbitte verfassen, und dann zurück in die Gesellschaft entlassen werden, sehr wohl wissend, dass sie als Mörderin straffrei davongekommen ist."
(Geständnisse: Kanae Minato. Verlag: C. Bertlesmann. Übersetzung: Sabine Lohmann)



Die grundlegende Frage, die im Vorfeld geklärt werden muss: Wer hat sich denn nun verspätet? Die deutsche Übersetzung zu Kanae Minatos "Kokuhaku", oder meine Besprechung zur hier präsentierten Ausgabe? Nun, ich bin mal so bescheiden und markiere hier ein Unentschieden. Diese leicht sarkastische Bemerkung ist hier natürlich nicht an den Verlag gerichtet, sondern an die deutsche Leserschaft, die über die Jahre hinweg von "Autoren" wie Fitzek, Tsokos und Co. durch Krimis vom Fließband literarisch beschallt wurde. Ein Roman wie "Geständnisse" wird an vielen Lesern wohl vorbeirauschen, was überaus schade ist. Zum einen, weil es ein Verlust für jeden Fan spannender Literatur ist, zum anderen aber auch, weil die geringe Beachtung solcher Titel dafür sorgt, das die Verlage sich von der japanischen Literatur noch weiter distanzieren. Im Fall von Geständnisse, so scheint der C. Bertelsmann Verlag hier aber wohl doch einen Treffer gelandet zu haben. Der Roman kam bei sämtlichen Kritikern gut an und fand selbst eine besondere Erwähnung in der Sendung "Druckfrisch" von Literaturkritiker Denis Scheck.

Obwohl Leser meines Blogs meine ausufernden Abschnitte über den Inhalt eines Buches so langsam kennen dürften, so werde ich diesen Teil aber diesmal bewusst verkürzen. Einen Roman wie Geständnisse sollte man völlig unvoreingenommen angehen. Es reicht völlig aus, sich die kurze Inhaltsangabe auf der Rückseite des Schutzumschlages der deutschen Ausgabe durchzulesen. Meiden sollte man dafür die ausführliche Inhaltsangabe, die auf der Innenseite des Schutzumschlages zu finden ist, sobald man den Buchdeckel öffnet. Genau das dürfte auch die Intention der Autorin sein. Der Leser soll sich zurücklehnen, sich in Sicherheit wiegen und sich von der Autorin führen lassen. Bis zur ersten Offenbarung braucht Kanae Minato etwas über 20 Seiten, von da an nimmt die entspannte Unterrichtsstunde eine unerwartete Wendung und driftet förmlich in einen furchtbaren Alptraum ab.

Geständnisse hält sich nicht mit einem ausufernden Prolog auf, sondern führt direkt zum Kern der Geschichte. Anfangs wird der Leser noch sehr verdutzt sein. Die Eröffnung liest sich wie der Monolog einer Person, die am Rande des Wahnsinn ist und Selbstgespräche führt. Es gibt keine Wörtliche Rede oder andere, zigfach durchgekaute Stilmittel dieses Genres. Genau das macht die Eröffnung von Geständnisse so einzigartig. Schon auf den ersten Seiten wird der Leser mit Yuko Moriguchi konfrontiert, einer Lehrerin, die ihrer Klasse einen letzten Vortrag hält, weil sie anschließend ihren Beruf als Lehrkraft aufgeben wird. Schnell wird klar, dass Moriguchi hier keinen gewöhnlichen Vortrag hält. Man wird die Frau als altklug und unterkühlt ansehen, als eine Lehrerin, die ihre Schüler ihre gesamte Laufbahn eigentlich immer nur als Belastung ansah. Je weiter der Vortrag aber geht, umso mehr wird auch der Leser wissen, dass hier weder Moriguchi, noch aber die Schüler diese Geschichte unbeschadet überstehen werden.

Die Gesellschaftskritik in Geständnisse wird sehr schnell deutlich. Auch wenn hier sehr speziell typisch japanische Probleme (Schulsystem, Jugendstrafrecht etc.) im Mittelpunkt stehen, so sollten auch westliche Leser keine all zu großen Probleme haben, die hier geschilderte Gesellschaftskritik nachvollziehen zu können. Es sind auch, rund 9 Jahre nachdem der Roman in Japan erschienen ist, noch immer aktuelle Themen. Kanae Minato schreckt hier auch nicht zurück, Taten auf wahren Begebenheiten in ihre Geschichte mit einzuweben. Das prominenteste Beispiel sind hier wohl die bizarren Morde von Kobe aus dem  Jahr 1997, wo ein damals 14 jähriger Schüler (in der Öffentlichkeit nur als "Junge A" bekannt) einer Junior High School zwei Grundschüler auf bestialische art und weise ermordet hat. Dieser Fall sorgte in Japan dafür, dass das Jugendstrafrecht im Jahr 2001 von 16 auf 14 gefallen ist und noch einige andere gesellschaftliche Revisionen mit sich führte (einige Jahre später erhielten auch Videospiele in Japan vorgeschriebene, strenge Altersfreigaben, die auch heute noch nicht gelockert sind).

Gerne wird Geständnisse mit "Gone Girl" von "Gillian Flynn" verglichen. So heißt es, Geständnisse sei die japanische Antwort auf Gone Girl. Nicht nur ist Gone Girl aber rund 4 Jahre später erschienen, auch thematisch haben beide Werke, ausgenommen einiger Parallelen rund um die drastischen Beschreibungen einiger Passagen sowie die vielen unerwarteten Wendungen, absolut nichts gemeinsam. Ich fand Gone Girl, zu meiner Überraschung, ziemlich gelungen und kann interessierten Lesern nur raten, beide Werke nicht miteinander zu vergleichen. Viel mehr schlägt Geständnisse eher in eine Kerbe wie Battle Royale. Mag der Vergleich anfangs kurios wirken, so werden die Gemeinsamkeiten im laufe der Geschichte deutlich.

Im Jahr 2010 verfilmte der japanische Regisseur Tetsuya Nakashima, geprägt von seinem Stil, äußerst erfolgreich den Roman von Kanae Minato. Ich muss sogar gestehen, die großartige Eröffnung von Geständnisse erzielt im Film durch die geniale Inszenierung eine sogar noch größere Wirkung. Man kann sagen, Nakashima ist dem Roman relativ treu gefolgt. So treu gefolgt, wie es bei über 100 Minuten Spielzeit möglich ist. Der Roman glänzt jedoch von großartig beschriebenen Charakteren und, ganz besonders, die Entwicklung der Charaktere. Etwas, was in einer Filmadaption meistens, wenn nicht sogar immer, den Kürzeren zieht. Der Roman erscheint in der Gesamtwertung logischer, runder und vollkommener. Dies darf aber in keinster weise die gelungene Adaption von Nakashima abwerten. Ich empfehle jedoch, da man nun endlich die Möglichkeit zur Auswahl hat, das Buch zu lesen bevor man den Film schaut.

Jetzt folgt noch ein kurzer Abschnitt, der mir dann doch sehr am Herzen lag. Die Übersetzung. In meiner Vorschau zu Geständnisse habe ich bereits im Vorfeld kritisiert, die hier vorliegende deutsche Übersetzung von Sabine Lohmann basiert auf einer englischen Übersetzung von Stephen Snyder des Mulholland Verlags. Gründe, wieso man sich hier gegen eine Übersetzung aus dem Japanischen entschieden hat, gibt es viele. Der Hauptgrund werden wohl die zusätzlichen Kosten gewesen sein. Dafür steht jedoch für eine Hardcover-Ausgabe ein attraktiver Preis von 16,99 Euro als Pro-Argument im Raum. Wichtig ist jedoch, ob die deutsche Übersetzung gut lesbar ist. Und genau dies ist hier der Fall. Die Übersetzung liest sich absolut flüssig, die Auswahl der Begriffe ist ebenfalls optimal gewählt. Als Referenz fehlt mir natürlich hier die japanische Ausgabe (die ich an sich nicht beurteilen könnte), aber auch die englische Ausgabe hielt ich noch nie in den Händen (wobei ich mir hier eine Leseprobe hätte zusenden lassen können, was ich aber, ebenfalls bewusst, nicht getan habe, um am Ende nicht voreingenommen zu wirken, wenn ich die deutsche Übersetzung lese). Auch wenn ich, und daran wird sich nichts ändern, immer eine Übersetzung aus der ursprünglichen Sprache vorziehe, an der Übersetzung von Sabine Lohmann gibt es nichts auszusetzen, dementsprechend sehe ich hier aktuell keinen Verlust in der gesamten Qualität der Übersetzung.




Resümee

Geständnisse gehört sicherlich mit zu den einflussreichsten japanischen Romane der vergangenen 10 Jahre. Nun kommen auch endlich deutsche Leser in den Genuss dieses starken Romans einer hierzulande unbekannten, jungen Autorin. Geständnisse war als Film schon bildgewaltig, aber auch die Romanvorlage muss sich hier absolut nicht verstecken. Bitterböse Gesellschaftskritik trifft Mystery-Thriller. Ein frisches, unverbrauchtes Gesamtpaket. Man sollte dieses Buch luftdicht versiegeln, damit uns diese Frische auch noch über Jahre erhalten bleibt, die sonst einmal mehr von der endlos langweiligen Monotonie der Massenware zurückgedrängt wird.

Sonntag, 7. Mai 2017

Tag 7 Review: Shin Godzilla






Japan 2016

Shin Godzilla
Originaltitel: Shin Gojira
Regie: Hideaki Anno, Shinji Higuchi
Drehbuch: Hideaki Anno
Darsteller: Hiroki Hasegawa, Yutaka Takenouchi, Satomi Ishihara, Ren Osugi, Shinya Tsukamoto, Jun Kunimura
Laufzeit: Circa 120 Minuten
Genre: Kaiju, Katastrophenfilm, Satire
Verleih: Splendid
Premiere (Deutschland): 03.05.17 - 05.05.17 (limitiertes Kino-Event)
FSK: Ab 12



Wirft man die Namen einfach lose in die Runde, so scheint es zwischen dem grünen Kult-Monster Godzilla und Evangelion-Schöpfer Hideaki Anno nicht viele Gemeinsamkeiten zu geben (wobei ich nicht ausschließen würde, dass Anno dazu in der Lage ist, einen hochkonzentrierten Energiestrahl abzufeuern). Geht man aber etwas mehr ins Detail, fallen schnell zwei Gemeinsamkeiten auf. Sowohl Godzilla als auch Anno haben in ihren Bereichen Geschichte geschrieben. Das Filmstudio Toho verdiente Millionen mit Godzilla, Anno hingegen revolutionierte mit seiner Anime-Dystopie Neon Genesis Evangelion (Shin Seiki Evangelion) dieses Genre für immer. Während Godzillas erster Auftritt bereits über 60 Jahre zurückliegt, so gehört Evangelion aus dem Jahr 1995 (und noch immer steht ein finaler Kinofilm aus) zur modernen Popkultur. In den vergangenen Jahren ist es jedoch ruhig geworden, sowohl um Godzilla, als aber auch Hideaki Anno. Immer wieder bestätigt Anno, wie sehr ihm die Produktion an neuen Filmen aus dem Evangelion-Universum zusetzen und er mental regelrecht ausgemergelt ist, jedoch häufig Trost und Ruhe von seiner Frau erfährt. Die beiden Giganten schwächelten ein wenig und es liegt eine harte Zeit hinter den beiden Kultfiguren. Zeit für ein Reboot? Ein Reboot für Godzilla und Anno? Gar nicht mal so eine schlechte Idee, wird sich auch Toho gedacht haben.




Toho verkündete es damals selbst, mit Godzilla - Final Wars (Regie: Ryuhei Kitamura) sollte 2004 das riesige Monster in Rente gehen. Danach würde nichts mehr kommen. Mit Legendary Pictures erlangte erstmals seit dem Emmerich-Fiasko aus dem Jahr 1998 ein ausländisches Studio die Godzilla-Lizenz von Toho. Gareth Edwards (Rogue One) kreierte 2014 ein Teil-Reboot, was irgendwo zwischen Fortsetzung des Ur-Godzillas und Neuinterpretation pendelte. Trotz einer Überlänge und einer eher geringen Screentime von Godzilla selbst, wurde der Film von Kritikern und Fans akzeptiert und auch gelobt, an den Kinokassen war er sogar ein großer Erfolg. Dieser Erfolg imponierte Toho so sehr, dass sie es selbst noch einmal wissen wollten und planten mit "Shin Gojira" ein komplettes Reboot des Franchise. Man setzte alle Uhren auf 0 und das einzige, was den Produzenten zu einem erfolgreichen Reboot des Franchise verhelfen würde, war ein Regisseur, der sich nicht nur mit der Materie auskennt, wie man Tokyio filmisch in seine Einzelteile zerlegt, sondern auch das richtige Händchen dafür hat, so eine fiktionale Katastrophe gekonnt in Szene zu setzen. Es war beinahe eine logische Schlussfolgerung, dass die Wahl nur auf Hideaki Anno fallen konnte.

Anno jedoch für das Projekt zu gewinnen war nicht einfach. Seine Fans warten seit Jahren sehnsüchtigst auf den Abschluss der Evangelion Kinofilm-Saga. Ein vierter und letzter Film fehlt noch, genau den wollte Anno fertigstellen, bevor er mit dem Thema abschließen könne. Während Anno selbst skeptisch war, konnten die Produzenten bei Toho jedoch den ein oder anderen Mann aus Annos Team für das Godzilla-Reboot gewinnen. Die Überzeugungskräfte von Annos langjährigen Weggefährten war am Ende aber zu groß, um diesem Projekt eine Absage zu erteilen.

Die Marschrute für Shin Godzilla war schnell klar. Man musste erst einmal dem neuen Titel gerecht werden. Das Wort "Shin" kann in der japanischen Sprache vielseitig genutzt werden. Allen voran steht es für "Neu",  kann aber auch für "Echt" stehen. Je nachdem, mit welchem Kanji man das Wort schreibt, erhält man meistens einen Begriff, der zutreffend für Shin Godzilla ist. Oberste Priorität war es, alles auf Anfang zurückzusetzen und dabei das Original aus dem Jahr 1954 zu ignorieren (obwohl man es mit Fortsetzungen und Chronologie an sich nie wirklich genau genommen hat, der 1954 Film war aber meistens stets der Ausgangspunkt). Die Essenz des Originals durfte aber nicht verloren gehen. Der US-Godzilla aus dem Jahr 2014 hat es vorgemacht, Godzilla ist nicht das nette Monster aus der Nachbarschaft. Godzilla muss in erster Linie ein zerstörungswütiger Gigant sein, der nahezu unverwundbar ist. Doch der Titel "Shin" würde keinen Sinn ergeben, wenn wir es hier mit dem gleichem Godzilla zu tun hätten, der schon so oft Städte den Erdboden gleichgemacht hat. Der "Shin Godzilla" ist anders. Er verfügt über Metamorphosen. Jede einzelne Metamorphose macht das Monster noch mächtiger und praktisch unverwundbar. Dem Monster diesen Twist zu verleihen, das war etwas, wozu praktisch nur Hideaki Anno fähig war. Fans von Neon Genesis Evangelion werden hier unglaublich viele Gemeinsamkeiten mit den Engeln wiederfinden und dein ein oder anderen "Aha-Effekt" erleben.

Doch was geschieht abseits von Godzillas neuen Fähigkeiten? Erst einmal, Godzilla hat relativ viel Screentime in Shin Godzilla. Auch wenn ich nun nicht mit der Stoppuhr im Kino saß, so kommt jeder Fan des Monsters auf seine Kosten. Anno, der auch das Drehbuch geschrieben hat, trennte sich noch von einigen Nebenhandlungen wie einem Familiendrama und einer Liebesgeschichte. In Shin Godzilla gibt es keinen furchtlosen Held oder Wissenschaftler, der sich zum Wohl des Landes opfert, hier ist gleich die ganze japanische Regierung Godzillas neuer Gegner. Politiker und Bürokraten gegen die gigantische Riesenechse. Ein aussichtsloser Kampf? Da will ich nicht zu viel verraten. Doch hier kommen wieder Annos Stärken ins Spiel. Gesellschaftskritik und Satire. Der Film wandelt auf einem schmalen Grad zwischen Katastrophenfilm und Satire. In einer Szene lacht man noch über den Premierminister (übrigens großartig verkörpert von Ren Osugi), in der nächsten Szene passiert wiederum ein großes Unglück. Ein klarer Wink an das 2011 Erdbeben in der Tohoku-Region, welches einen verheerenden Tsunami mit sich führte und zu einer Kernschmelze im Kernkraftwerk von Fukushima führte. Der Film spricht die Katastrophen nicht direkt an, allerdings ist es unschwer zu erkennen, woran sich der Film orientiert.




Anders als noch im Jahr 1954, so hat sich auch die Technik der japanischen Filmkunst wesentlich gesteigert. Man weiß nun besser, geschickter mit CGI umzugehen. Was das für Shin Godzilla bedeutet? In den meisten Szenen können die Computereffekte auf ganzer Linie überzeugen. Hier und da gibt es aber auch mal die ein oder andere Szene, wo die Effekte relativ billig wirken können. Allerdings dürfte das für viele Godzilla-Fans ein Aspekt sein, den man eher als interessant statt negativ bewertet. So ist es wenig überraschend, auch der Shin Godzilla besteht komplett aus CGI, auch wenn man manchmal immer noch das Gefühl hat, hier könnte ein Schauspieler unter einem Latexkostüm stecken. Dieser Look war jedoch so gewollt. Ist Godzilla erst einmal am wüten, so sind dabei einige wundervolle Effekte entstanden, die beweisen, dass das Konzept vollends aufgegangen ist. Untermalt werden diese Szenen oftmals mit dem original Godzilla-Theme von Akira Ifukube. Und was die Evangelion-Fans angeht, bei der Musik könnt ihr erneut eure Finger reiben, denn da wird es noch eine kleine Überraschung geben.

Mit einer Laufzeit von 2 Stunden haftet auch Shin Godzilla eine leichte Überlänge an. Anders als bei der 2014 US-Version schafft Shin Godzilla es aber, den Leerlauf besser zu kompensieren. Und das ohne einen festen Cast an Protagonisten. Bei Shin Godzilla ist es das gesamte Kollektiv, was hier auch außerhalb der actionreichen Szenen noch für Unterhaltung sorgt. Es sei jedoch gesagt, die politische Natur ist dem Film nicht von der Hand zu weisen. Auch sollte man mit dem Thema Japan - Kultur, Politik und Popkultur schon vertraut sein, um besonders die Szenen mit satirischen Hintergründen unbeschwert genießen zu können. Leider lief die Version mit O-Ton nur ein paar Tage später zu einer grausamen Uhrzeit, von daher kann ich hier nur über die deutsche Vertonung reden. Doch hier hat Splendid gute Arbeit geleistet und recht interessante Sprecher gewählt, was immer mehr zu einer Seltenheit bei japanischen Filmen wird. Der Humor kommt durchaus auch in der deutschen Vertonung nicht zu kurz.

Schauspielerisch findet man neben routinierten Darstellern wie Ren Osugi und Jun Kunimura auch eine menge noch recht junger Darsteller, die, auch das ist eine kleine Überraschung, bereits in der Live-Action Verfilmung von Attack on Titan mitgespielt haben. Als zweiter Regisseur war hier ebenfalls noch Shinji Higuchi tätig, der für die ziemlich verunglückte Adaption von Attack on Titan als alleiniger Regisseur verantwortlich war. Auch gibt es noch viele interessante Cameo-Auftritte in Shin Godzilla, insgesamt 6 bekannte japanische Regisseure sind hier zu finden. Für westliche Zuschauer wird wohl die Rolle von Shinya Tsukamoto (Tetsuo) am relevantesten sein.




Resümee

Mit minimalen Schönheitsfehlern steuert Shin Godzilla beinahe die Höchstwertung in meinem Ranking zu. Hideaki Anno liefert hier nach vielen Jahren mal wieder einen relevanten Kinofilm aus Japan ab. Vielleicht sogar einen der relevantesten Filme seit Kinji Fukasakus Filmadaption zu Battle Royale aus dem Jahr 2000. Fans von Godzilla und Anno werden sowieso auf ihre Kosten kommen, aber Shin Godzilla besitzt auch die Fähigkeit, Leute mitzureißen, die mit dem japanischen "Kaiju-Genre" (Monsterfilme) relativ wenig zu tun haben. Die Themen im Film sind aktuell und mit feinem Humor teilweise herrlich überspitzt. Im Kern bleibt aber Shin Godzilla das, was er schon immer war, ohne seinen Charme einbüßen zu müssen. Ein gigantischer Katastrophenfilm, sowohl hinter als auch vor der Kamera exzellent besetzt. Splendid gebührt hier noch der Dank, dass sie den limitierten Release in deutschen und einigen österreichischen Kinos möglich gemacht haben. Hoffen wir mal, dass das Projekt anklang fand. Der Heimkino-Release wird bereits voller Sehnsucht erwartet.

Sonntag, 30. April 2017

Tag 7 Review: Ghost in the Shell





USA 2017

Ghost in the Shell
Regie: Rupert Sanders
Vorlage: Shirow Masamune
Darsteller: Scarlett Johansson, Pilou Asbæk, Takeshi Kitano, Juliette Binoche, Michael Pitt
Laufzeit: Circa 107 Minuten
Genre: Science Fiction, Cyberpunk
Verleih: Paramount Pictures
Premiere: 30 März 2017
FSK: Ab 16




In Zeiten von IMDb, Metacritic und Rotten Tomatoes haben es Filme bereits im Vorfeld nicht einfach. Schuld daran sind weniger die Seiten mit ihrem Konzept an sich als viel mehr ihre toxischen Communities, die nicht selten über Erfolg oder Niedergang eines Blockbusters mit entscheiden. Erst kürzlich hat die IMDb eine Revision präsentiert, bei der die Foren-Einträge der Benutzer komplett von den Seiten der Filmeinträge entfernt wurden. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt um den immer giftiger werdenden Communities vorzubeugen. Bei all dem Gift, was versprüht wird, so war es dann am Ende auch nicht verwunderlich. dass die Allgemeinheit im Netz vorab weniger über die erste Ghost in the Shell Live-Action Adaption gesprochen hat, als viel mehr über Scarlett Johanssons Frisur und der neu entflammten "Whitewashing-Affäre".

Abseits der üblichen Diskussionen im Netz standen aber andere, wesentlich wichtigere Punkte im Mittelpunkt, die betreffen natürlich die Adaption an sich. Keine Frage, Mamoru Oshii's Anime-Adaption aus dem Jahr 1995 zu Shirow Masamunes Manga war wegbereitend für die japanische Animationskunst im Westen. Bereits in den 90ern kannte das westliche Publikum zwar das Studio Ghibli, aber einem Hayao Miyazaki fehlte damals außerhalb Japans einfach noch jener Einfluss, seine Filme einem reiferem Publikum zugänglich zu machen. Mamoru Oshii gelang mit seinem düsteren Cyberpunk-Ansatz jedoch genau dieser Schritt. Ghost in the Shell, eine humorlose und wesentlich ernstere Variante als Masamunes Originalvorlage, profitierte seinerzeit natürlich auch von dem Erfolg, den Terminator 2 einige Jahre zuvor weltweit feierte. Hollywood wurde, ganz überraschend, auf einen japanischen Zeichentrickfilm aufmerksam, der aber ausschließlich für ältere Zuschauer entwickelt wurde. So blieben die Lobpreisungen von James Cameron persönlich nicht aus. Man könnte sagen, es war die angenehme Konsequenz dieses Erfolges.

Die Jahre verstrichen, Oshii lieferte 2004 eine großartige Spielfilm-Fortsetzung zum Original ab (Innocence) und auch im Bereich der animierten TV-Serien startete mit Stand Alone Complex das Ghost in the Shell Franchise durch und feierte 2 hochgelobte Staffeln. Neben den Erfolgen gab es über die vielen Jahren immer wieder Gerüchte und Konzepte zu einer Hollywood-Verfilmung des Franchise. Zahlreiche Regisseure wurden genannt (darunter auch Cameron selbst) und noch wesentlich mehr Studios kamen ins Gespräch, die angeblich eine Verfilmung planten. Am Ende dieser langen Reise dauerte es dann 22 Jahre, bis eben jene Hollywood-Verfilmung realisiert wurde.

Eine Kollaboration zwischen Dream Works und Paramount als Studios, Avi Arad als Produzent und Scarlett Johansson als beinahe schon völlig logische Auswahl für die Rolle des Majors. Das der Brite Rupert Sanders jedoch als Regisseur auserkoren wurde, war die viel größere, ja, vielleicht sogar die einzige Überraschung. In seiner Vita hat Sanders nichts nennenswertes bis auf "Snow White and the Huntsman" vorzuweisen. Überhaupt muss man schon zu den optimistischeren Filmfans gehören, jenen "Show White and the Huntsman" als Bewerbung für ein ambitioniertes Projekt wie Ghost in he Shell zu nennen. Ob Sanders die erste Wahl war, darüber kann ich persönlich nur mutmaßen. Gibt es mit Regisseuren wie Villeneuve (Arrival), Johnson (Looper) und Garland (Ex Machina) doch Leute, die im Science Fiction Genre in den letzten Jahren für eine kleine Renaissance gesorgt haben. Schaut man sich aber nur einmal an, wie beschäftigt diese Leute sind, war wohl relativ schnell klar, dass man diese Herren wohl nicht für das Projekt wird gewinnen können (Villeneuve arbeitet aktuell an Blade Runner 2, Johnson an Star Wars: Episode VIII).

Rückblickend auf den gesamten Film hat sich Rupert Sanders hier aber nicht als Notlösung gezeigt, sondern als ein unglaublich fähiger Regisseur mit einer festen Vision. Bereits die ersten Trailer im letzten Jahr haben gezeigt, dass die Crew weiß, wie man mit CGI umzugehen hat um ein ansprechendes Sci-Fi Setting zu erschaffen. Filmisch, aber auch inhaltlich, macht, den Vorab-Kritikern zum Trotze, die westliche Ghost in the Shell Adaption eine menge richtig. Natürlich muss man immer wieder bedenken, dass der Film, und da machen weder Sanders noch das Drehbuch ein großes Geheimnis draus, auf Unterhaltung ausgelegt ist um ein möglichst breites Publikum zu unterhalten. Ein Beweis dafür ist die zahme PG-13 Freigabe, die sich aber eher als Borderline PG-13 entpuppt und keine Verharmlosungen zelebriert, wie es zum Beispiel Suicide Squad tut. Die Entfernung des synthetischen Cyborg-Blutes dürfte den Film wohl in letzter Instanz vor einem R-Rating bewahrt haben.

Bereits zu Beginn des Filmes und seinem furiosem Auftakt bekommt man einen Vorgeschmack auf die hoch entwickelten Technologien, die es in dieser Filmwelt zu bestaunen gibt. Man behält die Computereffekte unter Kontrolle, sie entgleisen nicht und wirken somit nicht billig oder aufgesetzt (etwas, woran sich Tim Burton in seiner letzten Entgleisung ins Wunderland mal ein Beispiel nehmen sollte). Umstrittene Besetzungen wie Johansson als Major und "Beat" Takeshi Kitano als Aramaki überzeugen überraschenderweise auf Anhieb. Auch als großer Bewunderer Kitanos viel es mir schwer, den großen Zampano als Daisuke Aramaki vorzustellen, Leiter und Taktik-Genie der fiktionalen Sektion 9 Spezialeinheit.

Von sämtlichen  philosophischen Aspekten, die für die Reihe bekannt sind, komplizierten Theorien und Wissenschaften sowie komplexen Fällen der Sektion 9, muss man sich als Zuschauer vorzeitig verabschieden. Wenig überraschend und praktisch vorhersehbar, dass es so kommen musste. Genau genommen ist Ghost in the Shell viel mehr ein Prequel, wie sich Sektion 9 formiert (ähnlich wie in der noch immer neusten Anime-Adaption Arise: Ghost in the Shell). Die Geschichte des Films ist größtenteils eine Eigenkreation, borgt sich dafür aber geschickt Elemente aus allen verfügbaren Ghost in the Shell Umsetzungen. Pate standen hier beide Animationsfilme von Oshii sowie die zweite Staffel der Serie Stand Alone Complex. Hatte ich am Anfang noch die Befürchtung, die Verfilmung könnte schamlos sämtliche Szenen und Ideen aus dem vorhandenem Material klauen, so hat man sich bewusst auf eine handvoll von Szenen geeinigt, die man äußerst gelungen in die Verfilmung implementiert hat. Auch hier überzeugt erneut der gute Einsatz von CGI, der die Realisierung solcher Szenen erst einmal ermöglicht hat.

Was die Entwicklung der Charaktere angeht, so legte man den Fokus beinahe hauptsächlich auf den Major, Batou und Aramaki aus der der Sektion 9. Auch in dieser Verfilmung ist der wahre Gegenspieler eher eine komplette Organisation als ein einzelnes Individuum. So ist es etwas schade, dass die Entwicklung des Cyborgs "Kuze" auf der Strecke bleibt. Leider ist die geringe Entwicklung Kuzes unweigerlich auch mit dem Schicksal des Majors (Johansson) gekoppelt, und so geht die doch sehr vielversprechende gemeinsame Geschichte der beiden leider aufgrund des Zeitdrucks unter. Diese vermeintliche Liebesgeschichte der beiden Figuren wird nahezu meisterhaft in der zweiten Staffel von Ghost in the Shell: Stand Alone Complex erzählt und wirkt in der Verfilmung aufgrund des straffen Zeitplans eher aufgesetzt und unglaubwürdig und wird die Zuschauer sicherlich nicht emotional aus den Sesseln reißen.

Bis auf die überschaubaren inhaltlichen Schwächen und den fehlenden philosophischen Aspekten haben wir hier aber einen ziemlich gelungenen Science Fiction Film, der praktisch alles richtig macht, wo man ihm ein Scheitern prognostiziert hat. Für einen Heimkino-Release wäre sogar noch mehr drin, wenn sich Sanders und der Verleih dazu entscheiden, dem Film vielleicht eine noch etwas längere Fassung zu spendieren.



Resümee

Es wurde nicht nur der berüchtigte Worst Case vermieden, auch darüber hinaus, hier nicht nur keinen Rohrkrepierer abzuliefern, sondern durchaus auch einen sehenswerten Science Fiction Film, da kann sich Ghost in the Shell als Gewinner bezeichnen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. An den Kinokassen lag der Film trotz Johansson-Bonus weit hinter den Erwartungen zurück. Die Produktionskosten sind unlängst aber wieder eingespielt und die Konzentration wird hier wohl erneut mal wieder auf dem Heimkino-Markt liegen, wo der Film definitiv noch zufriedenstellende Umsätze feiern wird.

Bedenkt man einmal, in welch schlechtem Licht Live-Action Adaptionen zu bekannten Manga und Anime stehen (für dessen zweifelhaften Ruf besonders etliche Low Budget Produktionen aus Japan verantwortlich sind, Attack on Titan lässt grüßen), ist das Endergebnis bei der Ghost in the Shell Verfilmung eindeutig hoch einzuschätzen. Ob all das reichen wird, dem Film eine Fortsetzung zu schenken, darf bezweifelt werden, aber auch wenns bei der einmaligen Sache bleibt, werden Verantwortliche aber auch Fans vermutlich versöhnlich zurückblicken. Und im Zeitalter von Netflix ist zumindest die digitale Zukunft des Projektes bestimmt noch nicht vom Tisch.